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Coronakrise

Sperrstunde um 22 Uhr: Ost-Westgefälle bei der Umsetzung

Tirol, Vorarlberg und Salzburg verlegen die Sperrstunde ab Freitag auf 22.00 Uhr vor. Fünf andere Bundesländer haben sich am Dienstag dagegen ausgesprochen, darunter Wien und Niederösterreich. Insbesondere an letztere hatte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) appelliert, in der Gastronomie auch früher Schluss zu machen. Niederösterreich möchte die vorgezogene Sperrstunde zumindest „noch nicht“, hieß es am Dienstag aus dem Büro von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP).

red/Agenturen

Weil die Situation von den Experten des Landessanitätsstabs aber laufend analysiert und bewertet werde, sei eine solche Maßnahme „für die Zukunft selbstverständlich nicht ausgeschlossen“, hieß es weiter aus Niederösterreich.

Die lokalen Maßnahmen werden durch eine Verordnung des Gesundheitsministerium ermöglicht und von der Regierung auch unterstützt. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) nannte es in der gemeinsamen Aussendung „gut“, dass drei Bundesländer bei der Vorverlegung der Sperrstunde vorangingen. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hofft, dass andere Bundesländer, insbesondere jene mit hohen Infektionszahlen, diesem Beispiel folgen, so der VP-Chef wohl mit Blick auf Wien.

Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) sprach sich allerdings klar gegen eine Sperrstundenvorverlegung aus. Dies sei auch mit Niederösterreich abgestimmt worden, betonte er. Man werde die Situation beobachten. Ludwig übte Kritik an einer „Hü-Hott-Politik“, bei der bestehende Maßnahmen ständig geändert würden. Für die Bevölkerung sei diese Vorgangsweise inzwischen oft irritierend. „Es braucht eine Situation, an der man sich orientieren kann“, forderte er. Die politischen Entscheidungsträger müssten gemeinsam auftreten.

„Vorsicht Gebot der Stunde“

Auch Oberösterreich wird vorerst keine Änderungen bei der Sperrstunde vornehmen. Das sagte LH Thomas Stelzer (ÖVP) am Dienstag am Rande einer Pressekonferenz. Angesichts der aktuellen Infizierten-Zahl von knapp 740 würden die derzeit geltenden Regeln reichen. Man sei bereit, nötigenfalls Maßnahmen zu treffen, wolle aber auch „mit Maß und Ziel“ vorgehen. Sein Regierungspartner LHStv. Manfred Haimbuchner (FPÖ) meinte in einer Presseaussendung, eine Sperrstunde um 22.00 Uhr wäre „der Todesstoß für unsere Gastronomen“. In Oberösterreich seien solche Überlegungen kein Thema und „für die FPÖ Oberösterreich ist eine solche Schädigung der Gastronomiebetriebe und der dahinterstehenden Familien schlicht denkunmöglich“.

„Vorerst“ ist auch laut dem Büro von Hermann Schützenhöfer (ÖVP) in der Steiermark keine Vorverlegung der Sperrstunde geplant. Der Landeshauptmann appelliere an alle, die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen einzuhalten: „Vorsicht ist nach wie vor das Gebot der Stunde. Sollte es notwendig werden und die Zahlen steigen, können wir die Sperrstundenregelung rasch ändern. Aktuell sind die Zahlen der Infizierten allerdings so, dass kein Handlungsbedarf besteht.“

Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) sieht zum derzeitigen Zeitpunkt keine Veranlassung für eine Vorverlegung der Sperrstunde. Die im Österreich-Vergleich nach wie vor sehr niedrigen Infektionszahlen würden das nicht notwendig machen. „Wir werden aber in Abstimmung mit dem Koordinationsgremium Maßnahmen ergreifen, wenn es notwendig ist.“

Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) betont dagegen die Notwendigkeit der Maßnahme einer früheren Sperrstunde. Eine der größten Verbreitungsgefahren sei auf ausufernde Feiern in Nachtlokalen zurückzuführen ist. Für Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) ist klar, dass die erneute Einschränkung für die ohnehin gebeutelte Gastronomie ein schwerer Schlag sei: „Wir müssen diese Maßnahme aber ergreifen, um die Infektionszahlen in den Griff zu bekommen und wieder abzusenken.“

Auch der Vorarlberger Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) sieht eine zwingende Notwendigkeit der Maßnahme. Bei der Auswertung der verschiedenen Cluster habe sich deutlich gezeigt, dass gerade zu später Stunde die Eigenverantwortung stark abnehme: „Mit der Einschränkung der Sperrstunde sehen wir uns gezwungen, dieser Entwicklung entgegenzuwirken.“

Maßnahme sei „Milchmädchenrechnung“

Franz Allerberger, Leiter des Bereichs Humanmedizin der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), hat die Vorverlegung der Sperrstunde in Lokalen in Westösterreich von 1.00 auf 22.00 Uhr begrüßt. Im Gespräch mit der APA sagte der Experte am Dienstag: „Das ist im Prinzip eine gute Sache.“ Sich weniger lange in einem Lokal aufzuhalten, mindere das Risiko einer Ansteckung.

Allerberger sprach von einer Milchmädchenrechnung: Drei Stunden Lokalaufenthalt würden ein halb so großes Risiko einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 bedeuten wie sechs Stunden. „Ein guter Teil der Infektionen jetzt sind auf Lokalbesuche und Reiserückkehrer zurückzuführen“, erläuterte der Experte. Und es sei nicht auszuschließen, dass die Ansteckung im Ausland auch in einem Lokal erfolgt sei. „Die Diskussion, dass man in Lokalen ein höheres Ansteckungsrisiko hat, können wir, glaube ich, beenden.“

Problematisch sind Allerberger zufolge weniger Gasthäuser, in denen der Kunde am Tisch isst und beizeiten das Lokal verlässt als Bars und Stehlokale. Zum Zeitfaktor kommt auch die Menge des Alkoholkonsums: Je höher das Quantum, umso feuchter die Aussprache. Der Lärmpegel steigt, man rückt zusammen, um einander trotzdem noch zu verstehen. Auch das erhöht das Infektionsrisiko.

 

 

 

 

 

 

 

 

Weingläser
Eine Sperrstunde ab 22 Uhr soll das Infektionsgeschehen eindämmen. Die Bundesländer handhaben die Regelung aber unterschiedlich.
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