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Lockdown-Prognose

Trendwende wird nicht ohne Verlängerung funktionieren

Der Ost-Lockdown wird nach Meinung der Virologin Dorothee von Laer und des Epidemiologen Gerald Gartlehner wahrscheinlich nicht reichen, um eine echte Trendwende auf den überlasteten Intensivstation zu bringen. Gartlehner kritisierte, dass die Maßnahmen zu spät kommen und zu kurz dauern. Eine Spur zuversichtlicher indes Von Laer: „Ob das ausreicht, bezweifle ich. Wahrscheinlich reicht es nicht aus. Aber vielleicht haben wir ja Glück“.  Komplexitätsforscher Peter Klimek sagte, dass das Paket auch als eine Art Signal an die Bevölkerung zu interpretieren sei.

red/Agenturen

Gartlehner geht davon aus, dass wir nach dem Oster-Lockdown vom 1. bis 6. April nahtlos in einen längeren übergehen und den April im Lockdown verbringen. „Diese fünf, sechs Tage sind eine homöopathische Dosis, das wird die Infektionszahlen nicht nachhaltig ändern.“ Gartlehner kann dem Ganzen aber auch etwas Positives abgewinnen: „Zumindest ist die Realität anerkannt worden. Am Montag hat man noch geglaubt, dass nichts passiert.“ Die Politik könnte aber „gleich mit offenen Karten spielen“ und die unangenehme Wahrheit sagen, „dass es sich mit fünf bis sechs Tagen nicht ausgehen wird“, so der Experte für Evidenzbasierte Medizin von der Donau-Universität Krems.

Gartlehner warnt auch davor, dass die kritische Situation nicht auf die Ostregion beschränkt belieben werde. Im Tirol sei man jetzt dort, wo Wien vor zwei bis drei Wochen war. „Früher oder später wird überall die gleich Situation eintreten.“ Erleichterungen erwarte er erst in drei Monaten, Ende Juni, wenn ausreichend Menschen immunisiert seien und wenn nichts dazwischen komme. „Wir gehen mit enorm hohen Zahlen in den Frühling.“ Die Lage sei daher ganz anders als letztes Jahr.

Vorarlberg und Tirol mit gutem Contact-Tracing

„Eher spät und eher kurz“ - so beurteilte Virologin Von Laer die Maßnahmen inklusive Kurzzeit-Lockdown für die Ostregion zu Ostern. Es sei zu hoffen, dass die Menschen bereits in der Woche bis Ostern die Warnungen ernst nehmen und sich entsprechend verhalten. Nach der geplanten Aufhebung des Lockdowns sei aber davon auszugehen bzw. sei zu befürchten, dass die Zahlen wieder ansteigen und man auch in den Intensivstationen der Krankenhäuser wieder an die Kapazitätsgrenzen gelange.

Einen Lichtblick bzw. möglichen Auswege aus der verfahrenen Situation ohne Verlängerung des Lockdowns nach Ostern sah Von Laer jedoch: Sollten Maßnahmen wie die auf alle Innenräume ausgeweitete FFP2-Maskenpflicht sowie die Betriebstestungen eingehalten werden, könne man vielleicht mit Glück auch so - „ohne das wirtschaftliche Leben groß einzuschränken“ - bis Ende Mai „durchkommen“. Denn bis dahin würden wohl die Impfungen signifikant fortgeschritten sein und wirklich die Normalität sich wieder Bahn brechen.

Nicht aus dem Schneider sah Von Laer auch die übrigen Bundesländer. Denn auch dort würden die Infektionszahlen wegen der Briten-Mutante derzeit steigen. Schließlich wisse man auch, dass sich die Infektionen auf den Intensivstationen gewöhnlich mit einer Verzögerung von drei bis vier Wochen bemerkbar machen. Dass ähnliche Maßnahmen wie im Osten notwendig werden, hielt Von Laer für „nicht unwahrscheinlich“, aber prognostizieren könne man dies nicht. Den übrigen Bundesländern könne der Faktor Zeit bzw. das hoffentlich bald Fahrt aufnehmende Impftempo helfen. „Aber auch sie müssen weiter sehr achtsam sein“, meinte die Virologin und mahnte Maßnahmen wie intensives Contact-Tracing ein. Bei Letzterem seien vor allem Tirol und Vorarlberg sehr gut unterwegs.

Klimek: Politischer "Bremsweg" weiter bei vier Wochen

Die neuen Covid-Maßnahmen im Osten Österreichs könnten den aktuell negativen Trend in den Infektionszahlen und auf den Intensivstationen zwar eindämmen, „es wird aber knapp für eine Trendumkehr“, sagte der Komplexitätsforscher Peter Klimek am Donnerstag zur APA. Schlussendlich sei das Paket auch als eine Art Signal an die Bevölkerung zu interpretieren. Nachdenklich stimmt Kimek der politische „Bremsweg“ von nach wie vor rund vier Wochen.

Nach all den Erfahrungen nach einem Jahr Pandemie sei der Weg von Prognosen, die klar in Richtung überhandnehmendes Infektionsgeschehen weisen, bis zur Umsetzung von Konsequenzen immer noch deutlich zu lang. Dass das „verlorene Meter in dem Wettlauf sind“, sei klar.

Das relativ starke Zurückfahren des öffentlichen Lebens von 1. bis 6. April werde nun trotzdem einen gewissen Effekt bringen. „Die gute Nachricht ist, dass wir nicht mit einem R-Wert von 1,4 unterwegs waren, sondern es war ein gedämpfter Anstieg über die letzen Wochen“, so der Forscher vom Complexity Science Hub Vienna (CSH) und der Medizinischen Universität Wien zur APA. Beobachtungen aus dem vergangenen Jahr zeigen, dass Handel- und Schulschließungen die Zahlen um etwa zehn Prozent drücken können. „Das sollte reichen, um diesen Trend zu stoppen.“

Positiver Effekt durch Impfungen, Testen und wärmere Temperaturen

Dann komme noch der hoffentlich erleichternde Effekt wärmerer Temperaturen, zusätzlicher Impfungen und der Ausweitungen des Testens dazu. Klimek: „All das hilft uns ja. Der Punkt ist aber, dass es in der aktuellen Situation nicht ausreicht, wenn wir es nur so abbremsen, dass es nicht weiter ansteigt.“ Um die Spitäler zu entlasten, müssten die Fallzahlen „möglichst schnell signifikant runtergehen. Wird diese Wirkung nach den fünf, sechs Tagen (des angekündigten Ost-Lockdowns, Anm.) nicht erreicht, wird man auch da nochmals evaluieren müssen. Mit den Maßnahmen alleine wird es knapp, dass man da wirklich eine deutliche Trendumkehr erreicht“, betonte der auch im Covid-Prognosekonsortium tätige Forscher.

Das Schließen des Handels über Ostern werde einen gewissen Bremseffekt haben, dessen Ausmaß schwer abzuschätzen sei. „Typischerweise führt ein Zurückfahren im Handel sehr wohl zu einem Rückgang der Infektionen“, so Klimek. Woher der aber kommt, sei nicht immer fassbar.

Bevölkerung muss mitmachen

Klar sei, dass auch eine starke Maßnahme verpuffen könne, wenn größere Teile der Bevölkerung sie nicht beherzigen. Dazu komme, dass auch schon alleine Maßnahmen im Handel von Branche zu Brache in ihrer Wirkung unterschiedlich seien, zeigen Studien.

Überall dort, wo auch beraten wird, ist die Ansteckungsgefahr natürlich entsprechend höher. Schiebt man aber im Bau- oder Supermarkt nur den Einkaufswagen durch die Gänge, sehe das anders aus. Am Ende des Tages werde es nun auch bei dem neuen Lockdown in Wien, Niederösterreich und im Burgenland sehr schwierig zu bewerten, welche Maßnahme wo welchen konkreten Effekt gebracht hat, räumte der Wissenschafter ein.

Da nun in den Osterferien etwa die Schul- und Berufsgruppentests der Lehrer wegfallen, werde es für die zuletzt sehr treffsicheren Prognosen ebenfalls schwieriger. Zeiten, in denen Veränderungen eintreten, wie die kommenden Wochen mit voraussichtlich auch höheren Temperaturen, brächten immer mehr Unsicherheit in den Modellrechnungen mit sich. „Es wird jetzt eine Phase mit höherer Volatilität geben“, so Klimek.
 

 

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