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OECD-Bericht

Viele Medizin-Absolventen, wenig Pflegepersonal

Österreich verfügt im internationalen Vergleich über eine hohe Anzahl an Ärzten pro Einwohner sowie eine leicht überdurchschnittliche Anzahl an Medizin-Absolventen. Das zeigt die am Donnerstag präsentierte OECD-Studie „Gesundheit auf einen Blick“ 2019. Vergleichsweise unterversorgt ist Österreich dagegen mit Pflegepersonal - und das Land ist offenbar wenig attraktiv für Ärzte aus dem Ausland.

red/Agenturen

Zuletzt hat sich die niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) ja für eine wesentliche Erhöhung der Zahl der Medizin-Studienplätze ausgesprochen. So soll unter anderem die ärztliche Versorgung in ländlichen Regionen verbessert werden.

Offenbar mangelt es aber in Österreich nicht an der Gesamtzahl der Ärzte, sondern an deren Verteilung. Im OECD-Vergleich kommen laut Bericht nämlich im Schnitt 5,2 praktizierende Ärzte auf 1.000 Einwohner. Das ist Platz zwei hinter Griechenland (6,1) und weit über dem OECD-Schnitt von 3,5 - wobei die OECD sogar die Zahl für Griechenland als „überschätzt“ bezeichnet, weil das Land in seine Daten nicht nur die praktizierenden, sondern alle lizenzierten Ärzte einrechnet. Die Nachbarländer Schweiz und Deutschland kommen auf durchschnittlich jeweils 4,3 Ärzte pro 1.000 Einwohner.

Schweiz und Deutschland: Weniger Absolventen, attraktivere Arbeitsplätze

Bei den Medizin-Absolventen sieht es etwas anders aus: Pro Jahr schließen hierzulande im Schnitt 14,4 Personen pro 100.000 Einwohner ein Medizin-Studium ab. Das ist zwar noch immer mehr als im OECD-Schnitt (13,1), liegt aber hinter den Spitzenländern wie Irland (24,9) oder Dänemark (21,5). Zum Vergleich: Die deutschsprachigen Nachbarländer Deutschland und die Schweiz haben jeweils weniger Absolventen als Österreich (12,0 bzw. 11,2).

Allerdings sind die dortigen Arbeitsplätze offenbar wesentlich attraktiver für ausländische Ärzte als in Österreich: Laut OECD wurden in der Schweiz 34 Prozent der Ärzte im Ausland ausgebildet. In Deutschland liegt der entsprechende Prozentsatz bei zwölf Prozent, in Österreich nur bei sechs Prozent (OECD-Schnitt: 18 Prozent).

Die Zahl der praktizierenden Ärzte ist in Österreich seit 2000 trotzdem stärker gestiegen (plus 48 Prozent) als in Deutschland (plus 32 Prozent) und im OECD-Schnitt (plus 42 Prozent). Knapp unterhalb des OECD-Schnitts liegt Österreich beim Anteil der Ärzte, die mittelfristig in Pension gehen werden: Hierzulande sind 30 Prozent der Ärzte 55 Jahre oder älter. Dieser Anteil beträgt in der OECD 34 Prozent. Besonders hoch ist er in Italien (55 Prozent) sowie in Deutschland, Frankreich, Belgien, Estland, Lettland und Israel mit Werten über 45 Prozent.

Deutlicher Mangel an Pflegepersonal

Im OECD-Vergleich unterversorgt ist Österreich mit Pflegepersonal: Pro 100.000 Einwohner werden hierzulande jährlich im Schnitt 34,5 Pflegekräfte ausgebildet. Das ist weniger als im OECD-Schnitt (43,6) und wesentlich weniger als in Deutschland (54,5) und beim OECD-Spitzenreiter Schweiz (100,9).

Weiterhin überdurchschnittlich gut ausgestattet ist das Land mit Spitalsbetten, nämlich mit 7,4 pro tausend Einwohnern (OECD: 4,7). Bei der Zahl der Spitalsentlassungen ist Österreich mit 249 pro Tausend Nummer zwei hinter Deutschland, OECD-weit sind es 154.

Mit Pro-Kopf-Ausgaben von 5.395 US-Doller (4.864,74 Euro) liegt das heimische Gesundheitswesen im Vergleich auf Rang sechs (USA: 10.586 US-Dollar, OECD: 3.994). Der BIP-Anteil beträgt 10,3 Prozent (USA: 16,9, OECD: 8,8).

Szekeres zu Ärztedichte: OECD operiert mit unterschiedlichen Zahlen

„Die heute von der OECD veröffentlichte Studie ‚Gesundheit auf einen Blick 2019‘ trägt wieder einmal zu dem Mythos bei, dass Österreich hinter Griechenland die höchste Ärztedichte pro Kopf in Europa habe“, kritisiert Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres. Seit Jahren operiere die OECD mit „nicht direkt vergleichbarem Datenmaterial“. 

Die Daten, welche die Länder bei der OECD einmelden, seien nicht miteinander vergleichbar. So zähle die OECD bei Österreich etwa die Turnusärzte, also Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung, mit ein, die allerdings noch nicht voll versorgungswirksam seien, während andere Länder auszubildende Jungmediziner nicht an die OECD meldeten. Auch würden Teilzeit-Beschäftigungsverhältnisse, die in Österreich immer mehr zunehmen, nicht berücksichtigt.

Österreich bei der Medizinerdichte im europäischen Mittelfeld

Erst vor einem Monat wurden in einer unabhängigen Studie des deutschen IGES-Instituts in einem Ländervergleich zwischen Deutschland, der Schweiz und Österreich die Zahlen zur Ärztedichte richtiggestellt. „Den Erhebungen zufolge liegt Österreich dabei gleichauf mit Deutschland im europäischen Vergleich im Mittelfeld und weit weg von einem Podestplatz“, so Szekeres. Das IGES-Institut erfasste in der Vergleichsstudie nur jene Ärztinnen und Ärzte, die zur selbstständigen Berufsausbildung berechtigt sind – also ohne Ausbildungs-/Turnusärzte - sowie auf Basis eines Vollzeitäquivalents. Daraus ergibt sich eine tatsächliche Ärztedichte für Österreich von nur 3,56 pro 1.000 Einwohner und nicht, wie von der OECD kolportiert von 5,2 auf 1.000 Einwohner.

Auch die von der OECD publizierte hohe Absolventenzahl bei Medizinstudenten in Österreich im europäischen Vergleich könne nicht unkommentiert bleiben, so Szekeres, „denn 40 Prozent der Medizinstudenten an österreichischen Universitäten gehen nach dem Studiumabschluss ins Ausland. Sie kehren Österreich den Rücken, weil die Arbeitsbedingungen in Deutschland, der Schweiz oder in Skandinavien besser sind und dort ebenfalls ein Ärztemangel herrscht“. Den Jungärzten würden dort oft neben sehr flexible Arbeitszeitmodellen auch gleich eine Wohnung, ein Kindergarten- und Schulplatz für die eigenen Kinder oder ein Job für die Lebenspartner mit angeboten.

40 Prozent der Absolventen eines Medizinstudiums gehen ins Ausland

Für Szekeres ist das eine Entwicklung, die den schon bestehenden Ärztemangel in Österreich im Verhältnis zur wachsenden Bevölkerung in Zukunft noch weiter verschärfen wird. Eine Erhöhung der Medizin-Studienplätze würde in diesem Zusammenhang am Problem des Ärztemangels in Österreich auch nichts ändern, sofern nicht entsprechenden Begleitmaßnahmen umgesetzt würden: „Andernfalls produzieren wir mit mehr Studienplätzen nur noch mehr Mediziner für das Ausland, die nach dem erfolgreichen Abschluss in Österreich in Länder abwandern, in denen sie bessere Berufsbedingungen vorfinden als hierzulande.“

„Um die nach wie vor gute Gesundheitsversorgung im Verhältnis zur zunehmenden sowie auch immer älter werdenden Bevölkerung auch in Zukunft allen Österreicherinnen und Österreichern anbieten zu können, sind in Wien zusätzlich 600 Ärztinnen und Ärzte nötig, österreichweit fehlen in Summe in etwa 1.450 Medizinerinnen und Mediziner“, betont Szekeres. Allein in Wien hat die Bevölkerung in den letzten zehn Jahren um 200.000 Mitbürger zugenommen, die Zahl der Spitalsärzte ist im selben Zeitraum stagniert, jene der niedergelassenen Kassenärzte sogar um mehr als 100 zurückgegangen.

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