Virologe Palese: Acht Virenarten in Zukunft gefährlich

Ist die Covid-19-Pandemie in Zukunft erfolgreich bekämpft, sollte man weiterhin auf acht Virenarten aufpassen, die von Tieren auf Menschen überspringen und Pandemien auslösen können, erklärte der österreichische Virenforscher Peter Palese der APA im Vorfeld der Alpbacher Gesundheitsgespräche. Die Chancen stünden gut, mit ihnen zurechtzukommen, immerhin besiegte man in der Vergangenheit etwa tödliche Viruserkrankungen wie die Pocken und Kinderlähmung mit Impfungen.

red/Agenturen

Die aktuelle Pandemie sei bei weitem noch nicht zu Ende, meint Palese, der an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York forscht. "Bis Juni hat Covid-19 im Jahr 2021 mehr Leben gefordert, als ganz 2020“, sagte er. Die Zahl der Todesopfer liegt (mit 26. August) bei 4,4 Millionen weltweit bei einer Fallzahl von knapp 215 Millionen Menschen. Die Pandemie ist mittlerweile in über 190 Länder vorgedrungen. WEs liegen also immer noch schwierige Zeiten vor uns“, so Palese.

In Zukunft könnten vor allem acht verschiedene Virenarten größere Probleme verursachen, die von Tieren auf Menschen übertragen werden, erklärte der Forscher: Ebola- und Marburg-Viren, die wahrscheinlich von Affen und Nagern übertragen werden und Fieber sowie Blutungen (hämorrhagisches Fieber) auslösen. Weiters nannte er Östliche-Pferdeenzephalomyelitis-Viren, die mit Hilfe von Stechmücken von Vögeln und Pferden zu Menschen wechseln und Gehirnentzündungen bringen. Ebenfalls von Nagern kommen Hantaviren, die vor allem Lungenkrankheiten verursachen. HIV sei weiterhin problematisch, sowie die jährlich variablen Grippeviren (Influenzaviren). Aber auch von SARS-Viren gehe weiterhin Gefahr aus, sowie vom Nipah-Virus, das so wie Grippe- und SARS-Viren über die Atemwege in den Körper kommt. Es ruft Gehirnentzündungen hervor. Diese Krankheit wird auch vom West-Nil-Virus erzeugt, das von Vögeln stammt und von Stechmücken übertragen wird.

In der Vergangenheit haben vor allem Virenarten wie Pocken, Masern, Poliomyelitis (Kinderlähmung) und Influenza Probleme verursacht, betonte Palese. Zwischen 1900 und 1920 seien mehr als 300 Millionen Menschen an Pocken gestorben. Im Vergleich dazu seien sogar die zusammenaddierten Todeszahlen der beiden Weltkriege sowie der Vietnam-, Korea- und Golfkriege viel geringer. Mit vorsätzlich durch Pocken-, Masern- und Mumps-Viren kontaminierten Decken wurde der Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern von den Soldaten aus Europa forciert. Sie töteten damit bedeutend mehr Menschen, als mit ihren Kugeln, erklärte der Virenforscher.

Palese prophezeit in Zukunft Wettstreit zwischen Viren und Menschen

Durch eine weltweite Impfaktion rottete die Weltgesundheitsorganisation jedoch bis 1977 die Pocken aus. Der britische Arzt Edward Jenner hatte einen Impfstoff entwickelt, indem er den Menschen das für sie harmlose Kuhpocken-Virus injizierte, das ihnen eine Immunität gegenüber der Pockenkrankheit brachte. Bereits zu Jenners Zeiten gab es freilich auch Impfgegner, die etwa in einer berühmt-berüchtigten Karikatur den Menschen Hörner und halbe Kühe aus Mund, Nase und Ohren sprießen ließen, die vom Rinderserum herstammen sollten. Ebenfalls gab es damals nicht gerade milden Druck, sich impfen zu lassen. In Stellenanzeigen der damaligen Zeit wurden ausdrücklich immunisierte Bewerber gesucht. "Die Pocken-Impfung war damals also eine Voraussetzung, dass man überhaupt einen Job bekam“, meinte Palese.

Influenza habe auch kaum weniger schlimme Folgen hinterlassen. Innerhalb von einem Vierteljahr Ende 1918 bis zum Februar 1919 starben 50 bis 100 Millionen Menschen weltweit bei der Grippeviren-Pandemie. Damals waren wie aktuell bei Covid-19 vor allem ältere Menschen betroffen. Davon zeugt unter anderem ein Foto aus einem Dorf in Alaska, auf dem nur die überlebenden Kinder zu sehen sind. „Ihre Eltern und Großeltern waren alle tot“, erklärte der Forscher.

Auch mechanische Beatmungsgeräte, wie sie bei der Behandlung gegen Covid-19 eingesetzt werden, kannte man schon früher, und sie waren damals auch kein Garant für das Überleben. In den 1950er Jahren wurden etwa in den USA die von Poliomyelitis heimgesuchten Patienten in röhrenförmige Aspiratoren gesteckt. "Aber 80 Prozent der Menschen kamen nicht mehr lebend heraus, sie starben alle an Lungenentzündungen“, sagte er: "Pocken und die Kinderlähmung sind nun jedoch Vergangenheit, weil wir eine Impfung dagegen haben, genau so wie gegen die Masern." Lediglich Influenza sei noch nicht beseitigt, weil sich dieses Virus ständig ändert.

Für die Zukunft prophezeit Palese einen regelrechten Wettstreit zwischen Viren und Menschen: "Die Evolution wird auch in Zukunft Wellen neu auftretender Viren bringen, und nur wachsame Wissenschafter und weltweite Gesundheitsmaßnahmen werden es uns ermöglichen, ihnen in diesem tödlichen Spiel einen Schritt voraus zu sein“, erklärte der österreichische Forscher.

virologe palaese
In Zukunft könnten vor allem acht verschiedene Virenarten größere Probleme verursachen, so der österreichische Virologe Peter Palese von der Mount Sinai School of Medicine (USA).
HERBERT PFARRHOFER / APA / picturedesk.com