WHO warnt vor zu vielen Strategiewechseln im Kampf gegen das Coronavirus

Ständige Strategiewechsel im Kampf gegen das Coronavirus können ihren Erfolg gefährden. Das hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Montag betont.

red/Agenturen

Ohne Länder beim Namen zu nennen, sagte Nothilfekoordinator Michael Ryan: „Der ständige Wechsel zwischen einer Maßnahme heute und einer anderen morgen mag wohlgemeint sein, kann aber unbeabsichtigte Folgen haben: erstens, dass die Menschen unsicher werden, zweitens, dass sie beginnen, sich zu ärgern.“ Die Menschen müssten Zeit haben, sich an Maßnahmen zu gewöhnen, Behörden müssten genügend Zeit haben, um festzustellen, ob eine Maßnahme wirkt oder nicht.

Unter anderem ist etwa in den USA und Großbritannien wegen unklarer Empfehlungen im Bezug auf das Öffnen von Geschäften, auf Quarantäne und das Maskentragen Kritik laut geworden. Lob gebühre Regierungen, die neue Ausbrüche sofort publik machen und schnell Maßnahmen zur Eindämmung erlassen, sagte Ryan. „Wo wir uns Sorgen machen müssen, sind Situationen, wo die Probleme nicht zutage gefördert werden, wo Probleme vertuscht werden, wo alles gut aussieht“, sagte er. „Eines ist klar bei Covid-19 wie bei allen anderen ansteckenden Krankheiten: Dass es gut aussieht heißt nicht, dass die Lage wirklich gut ist.

„Vor uns liegt noch ein langer Weg“, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. „Die Pandemie beschleunigt sich weiter. In den vergangenen sechs Wochen haben sich die gemeldeten Infektionen verdoppelt.“ Die WHO hatte den Corona-Ausbruch vor fast sechs Monaten, am 30. Jänner, zu einer Notlage von internationalem Ausmaß erklärt. An dem Tag gab es außerhalb Chinas noch weniger als hundert nachgewiesene Infektionen und keinen Todesfall.

WHO meldet neuen Rekord an gemeldeten Corona-Neuinfektionen 

Zuletzt hat die WHO einen neuen Rekord an gemeldet Corona-Neuinfektionen gemeldet. Noch nie seit Beginn der Coronavirus-Pandemie sind der Weltgesundheitsorganisation (WHO) innerhalb von 24 Stunden so viele Neuinfektionen gemeldet worden wie am Freitag. Insgesamt waren es 284 196 Fälle, teilte die WHO am Freitagabend mit. Mit Abstand die meisten Infektionen verzeichneten die USA und Brasilien, jeweils mehr als 67 000. In Indien waren es fast 50 000, in Südafrika 13 000.

Weltweit waren der WHO seit dem Ausbruch des neuen Virus Ende vergangenen Jahres bis Freitag 15,3 Millionen Infektionen gemeldet worden. Knapp 630 000 Menschen starben nachweislich mit einer Coronavirus-Infektion.

Phase III entscheidet Zukunft der Corona-Impfstoffkandidaten

Indes suchen Forscher und Unternehmen weltweit fieberhaft nach einem Corona-Impfstoff. Aktuell werden laut WHO mehr als 20 Kandidat-Vakzine in klinischen Studien an Menschen getestet. Bei einigen davon konnte bereits gezeigt werden, dass Probanden nach der Impfung Antikörper gegen SARS-CoV-2 entwickeln. Entscheidend ist aber der Abschluss von Phase-III-Studien.

Ob ein Geimpfter dann auch tatsächlich immun gegen eine Infektion oder geschützt vor einer Covid-19-Erkrankung ist, wird erst in sogenannten Phase-III-Studien mit Tausenden Probanden untersucht. Bisher am weitesten im Forschungsprozess sind Großbritannien und China. Heikel ist, das laut einer Wiener Studie oft in Phase II eine Überschätzung der Wirksamkeit neuer Präparate erfolgen kann.

Die Universität Oxford in Großbritannien hat zusammen mit dem Pharmakonzern AstraZeneca bereits eine Phase III-Studie begonnen, die chinesische Firma Sinovac steht kurz davor. Ein Impfstoff gilt als wesentlicher Baustein zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. Die Weltgesundheitsorganisation WHO listet mögliche Kandidaten auf ihrer Webpräsenz auf, wo auch der jeweilige Fortschritt aktuell abrufbar ist.

Klinischen Studien der Phase I nur ein Auftakt

Die Probanden der US-Biotech-Firma Moderna, die innerhalb von zwei Monaten zwei Injektionen des Impfstoffs bekamen, entwickelten mehr neutralisierende Antikörper als Personen, bei denen eine Coronavirus-Infektion diagnostiziert worden war, wie es am Dienstag (Ortszeit) weiter hieß. Die beteiligten Forscher stellten die Ergebnisse auch in einer Studie im „New England Journal of Medicine“ vor. Der Hersteller Moderna sprach in einer Mitteilung von einer „robusten Immunreaktion“, die nun den Weg für wesentlich größere Studien zu Wirksamkeit ebne.

Der Impfstoff mRNA-1273 soll ab Ende Juli in einer Phase-III-Studie an rund 30.000 Probanden getestet werden. Die Studie soll bis Oktober 2022 dauern, Ergebnisse kann es aber schon vorher geben. In den Tests der ersten Phase werden Impfstoffe immer nur an wenigen Freiwilligen getestet, weil es dabei zunächst vor allem um die Prüfung der Verträglichkeit geht. Nach ersten positiven Ergebnissen hatte Moderna die erste Phase auf 120 Probanden erweitert, um auch die Sicherheit des Impfstoffs bei älteren Menschen zu testen. Die Ergebnisse der erweiterten Studie liegen allerdings noch nicht vor.

Wegen des kurzen Studienzeitraums war auch noch nicht klar, ob und wie lange die Antikörper die Probanden tatsächlich vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen könnten. Das Blut der Teilnehmer solle daher noch ein Jahr lang regelmäßig auf den Anteil von Antikörpern geprüft werden, hieß es in der Studie. Bei Modernas Präparat handelt es sich um einen sogenannten RNA-Impfstoff. Bisher gibt es weltweit noch keine zugelassenen Human-Impfstoffe, die dieses Verfahren nutzen.