Verhaltensforschung

Einfache evolutionäre Strategien erklären Sozialverhalten

Wie Sozialverhalten entstand, erforscht der österreichische Verhaltensbiologe Michael Taborsky bei Ratten, Hunden, Käfern und der vielfältigen Fischwelt des Tanganjikasees in Afrika. Mit Kollegen berichtet er in einem neuen Buch für interessierte Laien und Experten, dass „eine Handvoll einfacher Strategien“ ausreichen, um verschiedenste Organismen von Bakterien bis Menschen im Konkurrenzkampf um natürliche Ressourcen wie Nahrung und Lebensräume erfolgreich zu machen.

red/Agenturen

„Die überwältigende Vielfalt an Sozialsystemen, die man in der Natur findet, lässt sich durch natürliche Auslese erklären“, sagte Taborsky, Professor Emeritus am Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern (Schweiz): „Wir zeigen in dem Buch, dass einige wenige Prinzipien ausreichen, um evolutionsstabile Strategien für den Ressourcenwettkampf hervorzubringen“. Jener Wettkampf etwa um Nahrung, Lebensraum und Sexualpartner sei als Ausgangspunkt für die natürliche Evolution die Basis allen Lebens.

Gegen ihre Konkurrenz können sich Individuen mittels einer von drei Strategien durchsetzen: Entweder sie kommen den anderen zuvor, indem sie quasi ein „um die Wette Rennen“ gewinnen. Sie können sich alternativ dazu die Ressourcen aber auch im Kampf einverleiben oder sich mit Anderen verbünden, um Ressourcen zu teilen, so der Experte: „Welche Strategie die größten Erfolgsaussichten bringt, hängt vom eigenen Zustand sowie vom ökologischen und sozialen Umfeld ab“.

Das Teilen sei am schwersten durch die Mechanismen der natürlichen Selektion zu erklären, meint er: „Übervorteilen scheint oft den größeren Profit abzuwerfen“. Doch auch die vielfach beobachtbare Kooperation zwischen Organismen ließe sich auf einfache Prinzipien zurückführen.

Altruismus am schwersten zu verstehen

Erstens kann eine gemeinsame Unternehmung allen Beteiligten Vorteile bringen (Mutualismus), wenn zum Beispiel eine gemeinsame Jagd ihre Bäuche füllt. Zweitens wird manchmal Zwang angewendet, wenn etwa ein stärkeres Rudelmitglied einen schwächeren Sozialpartner nötigt, ihm etwas abzugeben. Drittens kann Hilfeleistung durch Täuschung hervorgerufen werden, wie zum Beispiel beim Brutparasitismus, wo brutpflegenden Eltern „Kuckuckskinder“ untergeschoben werden. Viertens nennt Taborsky „selbstlose Großzügigkeit“, vulgo Altruismus, wobei man sich dem Sozialpartner gegenüber spendabel zeigt, zum Beispiel um bei anderer Gelegenheit von seiner Hilfe zu profitieren.

„Letzteres, also wirklicher Altruismus ist am schwersten zu verstehen, weil hier zunächst die Kosten der großzügigen Handlung den unmittelbaren Nutzen übersteigen.“ Doch dieser Nutzen kann auf zwei Arten entstehen: Einerseits durch Verwandtschaft, wie zum Beispiel bei staatenbildenden Insekten, kooperativ brütenden Fischen und Vögeln sowie innerhalb von Menschensippen. Oder durch Gegenseitigkeit, also nach dem Prinzip „wie du mir, so ich dir“ (Reziprozität).

„Beide Selektionsmechanismen sind im ganzen Spektrum biologischer Organisationsformen weit verbreitet, von Bakterien bis zum Menschen“, berichtet Taborsky: „Unsere vertieften Untersuchungen der biologischen Vielfalt sozialer Organisationsformen brachte also eine Handvoll einfacher Selektionsprinzipien hervor, die die Evolution des gesamten Spektrums sozialen Verhaltens schlüssig erklären“.