Coronavirus

Experten fordern Screenings mittels Massen-Schnelltests

Je länger die Pandemie dauert, umso öfter wird es durch nicht erkannte Covid-19-Infizierte zu vielen kleinen Ausbrüchen kommen, die keinem Cluster zugeordnet werden können. Um dieses „Hintergrundrauschen“ möglichst gering zu halten, plädiert eine Gruppe von Experten für umfassende Screeningprogramme mit Massen-Schnelltests, dafür soll die sogenannte RT-LAMP-Methode flächendeckend ausgerollt werden.

red/Agenturen

Die „Arbeitsgruppe Gesundheit und Infektionskurve“ ist Teil der neuen Forschungsplattform „Covid-19 Future Operations“, die schon in den vergangenen Monaten die heimische Politik bei Corona-Maßnahmen beraten hat und heute, Donnerstag, erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Anlass war die Präsentation der Expertenpapiere von zwei der vier Arbeitsgruppen, in denen sich Forscher von Unis und außeruniversitären Forschungseinrichtungen verschiedenster Disziplinen vernetzten und deren Ergebnisse in politische Entscheidungen einfließen sollen.

Die Experten der Arbeitsgruppe Gesundheit plädieren in ihrem Papier für ein flächendeckendes, routinemäßiges Verdachtsfallmonitoring, um mehr Covid-19-Infizierte ohne Symptome zu identifizieren: bei Massenveranstaltungen, an Flughäfen oder bei Ausbruchsherden. Außerdem könnte so kontinuierlich die Infektionsrate in besonders sensiblen Bereichen wie Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen, Tourismus und Gastronomie) beobachtet werden.

Dabei soll auf die Testmethode RT-LAMP gesetzt werden, bei der schon nach 35 Minuten ein Testergebnis vorliegen kann (anstelle von drei bis vier Stunden beim PCR-Test) und die auch nicht so sehr von teuren Maschinen abhängt. Bei einer gleichzeitigen Auswertung mehrerer Tests im Pool sei der Test etwa gleich sensitiv wie PCR, könnte aber auch direkt als Sofort-Test vor Ort durchgeführt werden, etwa vor einem Opernbesuch. Durch diese zweite Testschiene neben dem Abklären von Verdachtsfällen könnte man die Sorge, von einer zweiten Welle überrollt zu werden, minimieren, erklärte Margaretha Gansterer, Logistik-Expertin der Uni Klagenfurt.

Derzeit besteht die „Covid-19 Future Operations Plattform“ aus vier Arbeitsgruppen, es können aber noch mehr werden. Die Gruppe Gesellschaft und Psychosoziales beschäftigt sich dabei mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Gesellschaft, Arbeitsleben, Bildung und vulnerable Gruppen wie Migranten und der Frage, wie die Menschen dazu gebracht werden können, verordnete oder empfohlene Schutzmaßnahmen auch wirklich umzusetzen. In ihrer ersten Stellungnahme fordern ihre Mitglieder neue Wege der Zusammenarbeit von Wissenschaft, Politik und Institutionen des öffentlichen Lebens beim Umgang mit der Krise. Die Gruppe Wirtschaft und Arbeitsmarkt beforscht die Auswirkungen der Coronakrise auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt , die vierte Gruppe (Grundversorgung/Logistik) beschäftigt sich mit strategische Abhängigkeiten bei der Basisversorgung der Bevölkerung und internationalen Lieferketten.

Die „Covid-19 Future Operations Plattform“ soll dabei als eine Art „Partnervermittlung“ zwischen den Forschern und den Entscheidungsträgern dienen, betonte der ehemaliger Verteidigungsminister der Übergangsregierung Thomas Starlinger bei der Präsentation. Er leitet das den Arbeitsgruppen übergeordnete Gremium gemeinsam mit der Unternehmensberaterin Antonella Mei-Pochtler, die auch die dem Kanzleramt angegliederte Denkfabrik „Think Austria“ führt.

Die Plattform selbst sei politisch unabhängig, betonte Mei-Pochtler, habe aber bereits wichtige Entscheidungen beeinflusst. So seien Studienergebnisse zur massiven Belastung der Familien durch den Fernunterricht in die Entscheidung eingeflossen, die Schulen vor dem Sommer wieder zu öffnen. Ein anderes Beispiel sei die Teststrategie im Tourismus, um längerfristigen Schaden von diesem in Österreich wichtigen Wirtschaftszweig abzuwenden. Man habe jedenfalls noch viele relevante Forschungsergebnisse in petto, die auch öffentlich präsentiert werden sollen, kündigte Mei-Pochtler an.

Sabine Seidler, die Vorsitzende der Universitätenkonferenz, sah in der neuen Plattform ein Zeichen für die hohe Bereitschaft, das Wissen der Forschung der Politik zur Verfügung zu stellen, die auch bereit gewesen sei, diesen Input zu nutzen. An die Politik richtete sie die Bitte, diese Wissensquelle auch über die Coronakrise hinaus „anzuzapfen“. Gerade in der Krise zeige sich zudem die Bedeutung der Grundlagenforschung, die nun als Basis für diverse Anwendungen liefere, betonte Uni-Wien-Rektor Heinz Engl.