Tabu Inkontinenz

Jeder sechste hat Probleme mit Blase oder Darm

Eine Million Menschen in Österreich leiden an einer Form von Inkontinenz. Kaum jemand spricht davon, auch nicht mit seinem Arzt: Zwei von drei unlängst Befragten mit Harninkontinenz war noch nie in medizinischer Behandlung, hieß es bei einem Pressegespräch am Mittwoch in Wien anlässlich der Welt-Kontinenz-Woche von 17. bis 23. Juni.

red/Agenturen

Das häufig schambehaftete Problem kann die Lebensqualität massiv einschränken - bis hin zur sozialen Isolation, erläuterten Vertreter der medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ). Patienten scheuen sich oft, das Haus zu verlassen und brechen Kontakte ab. „Inkontinenz ist nicht tödlich, aber sie nimmt Dir das Leben,“ zitierten die Spezialisten internationale Kollegen. Vor allem Hausärzte sollten daher das Thema aktiv auch ohne konkreten Anlass ansprechen. Viele Betroffene leiden still vor sich hin, und das nicht selten stärker als Menschen mit Herz- und Gelenkskrankheiten, habe eine Studie gezeigt. Frauen haben ein weit größeres Inkontinenz-Risiko als Männer.

Ganz nach dem Motto „Darüber reden statt darunter leiden“ erläuterten die Mediziner vor Medienvertretern die diversen Krankheitsbilder und mögliche Therapien. In den kommenden Tagen finden in mehreren Bundesländern (Wien, Innsbruck, Dornbirn, Klagenfurt) Informationsveranstaltungen für Laien und Fachpublikum statt, darüber hinaus soll ein neuer Youtube-Kanal niederschwellig möglichst viele Patienten informieren. In vielen Fällen kann mit der passenden Behandlung ein weitgehend „normales“ Leben erreicht werden.

Volkskrankheit weitgehend totgeschwiegen

Doch nur wenige Betroffene suchen bis dato medizinische Hilfe bzw. sprechen von sich aus die Causa an. - dabei stehen durchaus diverse effektive Behandlungen zur Verfügung. Die Bandbreite reicht von physikalischen, medikamentösen oder operativen Therapien, nicht selten spielen auch andere Faktoren wie Ernährung und Lebensweise eine große Rolle. Ein oft entscheidender Punkt ist außerdem der Beckenboden, dessen frühzeitiges Training sehr oft sehr positive Auswirkungen habe, so die Experten.

Die 1990 gegründete MKÖ hat sich die Förderung von Maßnahmen zur Prävention, Diagnostik, Behandlung und Versorgung der Harn- und Stuhlinkontinenz zum Ziel gesetzt und möchte die Thematik so weit wie möglich aus der Tabuzone holen. Unterschiedliche Berufsgruppen wollen ehrenamtlich und in enger Kooperation das Thema enttabuisieren sowie Patienten, Pflegende, Haus- und Fachärzte über Behandlungsmöglichkeiten informieren und umfassend beraten.

Aktuell liegt ein besonderes Augenmerk auf dem Zugang für Muslime, da religiöse und kulturell bedingte Gepflogenheiten und Sprachbarrieren zusätzliche Hürden auf dem Weg zu einer optimalen Versorgung bedeuten können.

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Frauen haben ein weit größeres Inkontinenz-Risiko als Männer.
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