Mediziner: Lungenkrebs in Zeiten von Corona viel seltener erkannt

In der Covid-19 Pandemie wurden 42 Prozent weniger Lungenkrebs-Diagnosen gestellt, berichteten Mediziner am Freitagvormittag in Wien vor Journalisten. Bei vielen Menschen blieb er demnach unerkannt und erreichte fortgeschrittenere Stadien. Dadurch sinkt ihre Überlebenswahrscheinlichkeit, weil der Tumor dann etwa Tochtergeschwüre ins Hirn aussendet. Vor allem Raucher sollten auch in Pandemiezeiten zu Vorsorgeuntersuchungen gehen und dem krankmachenden Laster entsagen.

red/Agenturen

Viele Patienten haben Lungenkrebs-Symptome wie Husten, Atemnot und Brustschmerzen erst, wenn die Erkrankung schon weit fortgeschritten ist, sagte Arschang Valipour von der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie der Klinik Floridsdorf (Wien): „Rund ein Drittel aller Patienten nimmt überhaupt keine Beschwerden wahr". Die Diagnose „passiert" deshalb oft als Neben- oder Zufallsbefund, wenn die Leute aus ganz anderen Gründen einen Arzt aufsuchen.

Während der Covid-19 Pandemie geschah das viel seltener, als zuvor. „Unser Vorsorgeangebot ist während der Pandemie unverändert geblieben, die Inanspruchnahme aber gesunken“, erklärte Peter Errhalt von der Klinischen Abteilung für Pneumologie am Universitätsklinikum Krems (NÖ). In den Jahren vor der Pandemie habe die Zahl der Lungenkrebs-Diagnosen stetig zugenommen, 2020 sank sie im Vergleich zu 2019 um 42 Prozent. Dies wäre vor allem auf einen Rückgang von Zufallsbefunden zurückzuführen, denn weniger dringliche medizinische Eingriffe wurden oft aufgeschoben.

„Die Patienten berichteten uns, dass sie aus Angst vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 oft Termine nicht wahrgenommen haben, und sie wurden von den Institutionen teilweise sogar darin bestärkt, zu Hause zu bleiben“, berichtete Gundula Koblmiller von der Österreichischen Lungenunion: „Gerade bei Lungenerkrankungen hat das verheerende Folgen, denn eine frühe Diagnose kann viel Leid ersparen".

Nichtraucherschutz in Österreich nicht auf europäischem Niveau

„Es zeichnete sich in mehreren Ländern bei wissenschaftlichen Erhebungen ab, dass während der Covid-19 Pandemie vermehrt Patienten in späteren Stadien der Erkrankung vorstellig wurden“, sagte Valipour. Das ist für die Betroffenen sehr schlecht, denn je früher sie eine Diagnose erhalten, umso höher sind die Behandlungschancen und ihre Überlebenswahrscheinlichkeit. Auch viele „zielgerichtete Therapien“, die eine Wiederkehr der Krebserkrankung verhindern können, wären vor allem in frühen Stadien sehr effektiv. Lungenkrebs siedelt sich bei einem Rückfall oft zusätzlich an anderen Körperstellen an, vor allem im Gehirn, berichteten die Mediziner.

Sie plädierten, dass die Leute auch in Coronazeiten Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen und langwierige Hustenprobleme genau abklären lassen. Weil Lungenkrebs zu 90 Prozent Raucher betrifft, sei die allerbeste Vorsorge, dem Laster abzuschwören oder gar nicht damit anzufangen. „Man kann nicht oft genug betonen: Lungenkrebs ist zu mindestens 90 Prozent vermeidbar“, so Errhalt.

In Österreich ist der Nichtraucherschutz nicht auf europäischem Niveau, sagte Errhalt und forderte die Bundesregierung auf, dies zu ändern: „Hier bedarf es mehr politisches Engagement und weniger Schielen auf bestimmte Wählerschichten". Populismus wäre beim Nichtraucherschutz „eindeutig fehl am Platz".

Mit dem Rauchverbot in der Gastronomie wurde ein erster Schritt getan“, meinte Koblmiller: „Es müsste aber auch monetär wehtun, sich eine Packung Zigaretten zu kaufen". „Der Staat Österreich verdient über die Tabaksteuer am Rauchen“, sagte Errhalt. Die Erlöse sollten der Krebsforschung und Raucherentwöhnung zugute kommen. „Es wäre aber auch wichtig, ein dauerhaftes, kostenloses Angebot für die flächendeckende Raucherentwöhnung in Österreich zu schaffen“, so Koblmiller. Dies würde langfristig Kosten sparen und Menschenleben retten.