Onkologenkongress - Immuntherapie rückt an erste Stelle

2018 erhielten der US-Forscher James Allison und der Japaner Tasuku Honjo den Medizinnobelpreis für ihre wissenschaftlichen Arbeiten zu sogenannten Immun-Checkpoint-Inhibitoren. Sie sollen die körpereigenen Abwehrkräfte gegen Karzinome wiederherstellen. Mittlerweile erobern diese Therapien einen immer größeren Stellenwert, hieß es beim Jahreskongress der deutschen, österreichischen und Schweizer Onkologen am Wochenende in Wien (7. bis 10. Oktober).

red/Agenturen

Der Hintergrund: Monoklonale Antikörper können jene Kommunikation zwischen Krebszellen und T-Immunzellen blockieren, welche die körpereigene Abwehr gegen bösartige Zellen hemmen. Auf den T-Lymphozyten (T-Zellen, Immunzellen) finden sich eine ganze Reihe von Oberflächenproteinen, welche für die Interaktion mit anderen Zellen, für die Aktivierung oder das Stillhalten der Immunzellen verantwortlich sind. Allison entdeckte CTLA-4 auf T-Zellen. Tasuku Honjo fand PD-1 auf diesen Immunzellen. Mit monoklonalen Antikörpern wie Ipilimumab (gegen CTLA-4), Nivolumab (und bereits viele andere gegen PD-1) oder Atezolizumab (gegen PD-L1 gerichtet) stehen erstmals wirksame immunmodulatorische Medikamente gegen Krebs zur Verfügung.

Zu Beginn wurden diese Therapien aber zumeist erst in späten Stadien einer Tumorerkrankung und erst nach Fehlschlagen anderer Behandlungsmöglichkeiten eingesetzt. Das ändert sich mit großen Erfolgen derzeit radikal, wie die Wiener Onkologin Aysegül Ilhan-Mutlu (MedUni Wien/AKH) in einem Übersichtsvortrag bei dem Kongress mit rund 4.000 Teilnehmern im Austria Center Vienna zu den wichtigsten neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Onkologie im Jahr 2022 feststellte.

Erstaunliche Ergebnisse

Ein Beispiel dafür ist eine Studie (Abteilung für gastrointestinale Onkologie, niederländisches Krebsinstitut/Amsterdam) mit etwas mehr als hundert Darmkrebspatient:innen. Die für eine Immuntherapie geeigneten Kranken erhielten den gegen PD-1 gerichteten monoklonalen Antikörper Nivolumab in zwei Zyklen schon vor der chirurgischen Entfernung des Tumors als Erstbehandlung. Die Onkologen sprechen in solchen Fällen von einer „neoadjuvanten“ Therapie. Das erstaunliche Ergebnis: 67 Prozent der Behandelten wiesen im entfernten Gewebe keine bösartigen Zellen mehr auf. Die Studie war vor kurzem beim Jahreskongress der europäischen Onkologen (ESMO) präsentiert worden.

Ganz ähnlich ging eine noch relativ kleine klinische Studie aus, die im Frühjahr beim Kongress der amerikanischen Onkologen (ASCO) vorgestellt wurde: Bei 30 Patient:innen mit Enddarmkarzinomen im Stadium II und III versuchte man, eine Heilung allein per Immuntherapie (Immuncheckpoint-Blockade) zu erreichen. Das war laut allen nachfolgenden Untersuchungen (Darmspiegelung, Magnetresonanztomografie etc.) der Fall. „Kein Patient benötigte eine Chemotherapie, eine Strahlentherapie oder Chirurgie“, sagte die Expertin. Ähnliche Daten mit einer möglichst frühen Anwendung der modernen Krebs-Immuntherapie kommen auch aus anderen Bereichen der Onkologie.

Behandlungsergebnisse, „von denen man nur träumen konnte“

In der Krebs-Immuntherapie werden monklonale Antikörper aus der Biotechnologie eingesetzt. Doch auch bei den sogenannten zielgerichteten Therapien mit kleinen synthetisch hergestellten Wirkstoffen gibt es Fortschritte. Aysegül Ilhan-Mutlu nannte ein bis vor kurzem für nicht umsetzbar gehaltenes Behandlungsprinzip: Arzneimittel, welche beim Vorliegen einer bestimmten Mutation im sogenannten KRAS-Gen (G12C-Mutation) das Wachstum eines Lungenkarzinoms aufhalten können. Dies wurde mit dem neuen Wirkstoff Sotorasib bei mehr als 340 Patient:innen mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom im Vergleich zur herkömmlichen Behandlung mit dem Chemotherapeutikum Docetaxel untersucht. Jene Kranken, welche die zielgerichtete Behandlung erhielten, wiesen nach einem Jahr immerhin zu knapp 25 Prozent keinen Fortschritt der Erkrankung auf. In der Vergleichsgruppe mit der Chemotherapie waren es nur um die zehn Prozent. Laut den Experten sind das zum Teil Behandlungsergebnisse, von denen man bis vor kurzem sprichwörtlich nur träumen konnte.

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