Multiple Sklerose

Patienten mit Unterstützung länger arbeitsfähig

Experten fordern ein gesellschaftliches Umdenken und den Ausbau bestehender Unterstützungsprogramme für chronisch Kranke. Dauer-Krankenstand oder Frühpension sei keine Lösung.

red/Agenturen
„Es muss alles getan werden, um MS-Patienten im Arbeitsleben zu halten“, fordert Jörg Kraus, Präsident der Österreichischen MS-Gesellschaft.

Mehr als die Hälfte aller Menschen im erwerbsfähigen Alter mit Multipler Sklerose (MS) in Österreich arbeiten nicht. Doch oft sind es nicht die Krankheitssymptome, die Arbeitsfähigkeit ausschließen. „Entscheidend ist, dass die Betroffenen entsprechende Unterstützung der Unternehmen bekommen“, sagte Jörg Kraus, Präsident der Österreichischen MS-Gesellschaft, bei einer Pressekonferenz am Mittwoch.

Arbeitsfähig trotz körperlicher Einschränkung 

Rund 13.500 Menschen sind in Österreich von Multipler Sklerose betroffen, einer chronisch-entzündlichen Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, die meist bei jungen Erwachsenen erstmals auftritt. Charakteristisch für MS ist oft ihr schubförmiger Verlauf. Zwischen den Schüben verschlimmert sich die Krankheit nicht, nach zehn bis 15 Jahren entsteht meist ein progredienter (kontinuierlich verschlimmerter) Verlauf. Zu den Symptomen gehören etwa Gefühlsstörungen der Extremitäten, Sehprobleme, Lähmungen und Gleichgewichtsstörungen. Als besonders belastend empfinden viele Patienten die rasche Erschöpfung (Fatigue) und kognitive Einbußen, wie eine aktuelle Studie zur „Cost of Illness“ bei MS zeigte. So leiden 60 Prozent aller Befragten unter Fatigue, 25 Prozent unter kognitiven Problemen. Insgesamt nahmen 17.000 Patienten aus ganz Europa an der Studie teil.

„Gerade bei geistigen Tätigkeiten können MS-Patienten oft noch arbeiten, wenn sie körperlich eingeschränkt sind“, betonte Kraus. „Es muss alles getan werden, um MS-Patienten im Arbeitsleben zu halten.“ 54 Prozent der Betroffenen arbeiten jedoch gar nicht. „Erschreckend ist, dass bereits 50 Prozent mit einem leichten Behinderungsgrad nicht mehr berufstätig sind“, sagte Thomas Berger, MS-Experte an der MedUni Wien.

Stigmata und Missverständnisse bekämpfen

Die Unternehmen müssen MS-Patienten möglichst unterstützend entgegenkommen, sagte Kraus. Denn könne etwa jemand, der schnell ermüdet, häufiger Pausen machen oder Teilzeit arbeiten, werde er länger im Arbeitsleben stehen. Generell sei mehr Aufklärung und Information nötig, damit noch immer existierende Stigmata und Missverständnisse bekämpft werden können. Denn zu einer automatischen Arbeitsunfähigkeit oder einem Leben im Rollstuhl führt MS bei adäquater Behandlung keineswegs.

„Programme zur Unterstützung von Patienten mit chronischen Erkrankungen gibt es bereits, sie müssen aber ausgebaut werden“, sagte Bernhard Rupp von der Arbeiterkammer Niederösterreich. Etwa „fit2work“ oder die befristete Arbeitsreduktion, jedoch passen diese Modelle meist nicht auf chronische Erkrankungen. „Die Technologie ist da, wir müssen es nur auch politisch schaffen. Ein Umdenken in der Gesellschaft sei generell notwendig, hielt Rupp fest. „Von den 4,3 Millionen erwerbstätigen oder arbeitssuchenden Österreichern sind mehr als zwei Millionen chronisch krank oder haben Einschränkungen. An entsprechenden Anpassungen der Arbeitsumstände wird also in naher Zukunft kein Weg vorbeiführen.“

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