Faktencheck

Virale Studie zu Impfrisiko mit methodischen Mängeln

Eine wissenschaftliche Publikation sorgt aktuell für Aufregung und Jubel in impfkritischen Kreisen. Eine „Studie von fünf Universitäten“ soll festgestellt haben, dass die Nutzen-Risiko-Bewertung bei Corona-Impfungen bisher überschätzt wurde. „Für drei durch die Impfung verhinderte Todesfälle müssen wir zwei durch die Impfung verursachte Todesfälle in Kauf nehmen“, wird aus dem Artikel zitiert. Unter Wissenschafterinnen und Wissenschaftern ist dieser höchst umstritten.

red/Agenturen

Einschätzung

Die Publikation existiert wirklich. Methodisch weist sie allerdings erhebliche Mängel auf. Wissenschafter kritisieren die Autoren.

Überprüfung

Die Studie wurde auf der Seite des Multidisciplinary Publishing Institute (MDPI) publiziert. Hinter der behaupteten Publikation von fünf Universitäten stecken in Wirklichkeit nur drei einzelne Wissenschafter.

Harald Walach ist ein deutscher Psychologe und arbeitete als Direktor des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Frankfurter Europa-Universität Viadrina. Er gibt in der Publikation drei Lehrstühle an, darunter die Medizinische Universität in Posen, die Universität Witten/Heidecke und das Change Health Science Institut in Berlin, ein von Walach selbst gegründetes Institut. In Witten/Heidecke ist Walach laut eigenen Angaben Gastprofessor, in Posen scheint er bei den Professoren auf. Bereits in seiner Tätigkeit in Frankfurt wurde Walach laut Berliner Zeitung aufgrund pseudowissenschaftlicher Ansätze kritisiert.

Neben Walach ist auch noch ein Physiker von der Radioonkologie des Leopoldina Krankenhauses in Schweinfurt als Mitautor genannt sowie ein unabhängiger Datenwissenschafter, der keinem wissenschaftlichen Institut zugeordnet wird. Von fünf behaupteten Universitäten bleiben somit zwei über, darunter eine Gastprofessur. Virologen, Epidemiologen oder Vakzinologen finden sich unter den Autoren keine.

MDPI warnt Leser

Die Studie ist unter Wissenschaftern umstritten. Das MDPI veröffentlichte bereits eine „Expression of Concern“, eine Art Hinweis für Leserinnen und Leser, dass es Bedenken bezüglich der Publikation gibt . Die „ernsthaften Bedenken“ beträfen vor allem eine Missinterpretation der Daten bzw. der Schlussfolgerung der Autoren. So seien die von den Autoren Impfstoffen zugeordneten Todesfälle inkorrekt und verzerrt.

Der österreichische Virologe Florian Krammer, ein Mitherausgeber beim MDPI, erklärte als Reaktion auf die Veröffentlichung der Studie sogar den Rücktritt von seiner Rolle beim MDPI. Krammer drückt in seinen Tweets Zustimmung gegenüber Kommentaren aus, die meinen, dass der Artikel falsch sei. Die britische Immunologin Katie Ewers trat ebenfalls aus dem redaktionellen Team aus.

MDPI warnt Leser

Inhaltlich betrifft die Kritik vor allem die verwendete Zahl vermeintlicher Impftoter. Die Studienautoren greifen hierbei auf die Datenbank der European Medicines Agency (EMA) zurück, bei der Nebenwirkungen nach Impfungen dokumentiert werden können. Allerdings stehen die dort festgehaltenen Todesfälle nur in zeitlicher Nähe zu einer Corona-Impfung und keinesfalls automatisch in einem kausalen Zusammenhang. In einem anderen Faktencheck wurde dieses Thema bereits aufgearbeitet und darauf hingewiesen, dass die Zahlen der EMA-Datenbank keine verlässliche Auskunft über möglicherweise durch Impfungen verursachte Nebenwirkungen oder Todesfälle geben.

Dass die EMA-Datenbank nicht unbedingt belastbar ist, merken die Studienautoren sogar selbst, da sie darauf eingehen, dass es in verschiedenen Ländern zu einer unterschiedlichen Rate an gemeldeten Nebenwirkungen kommt. Daraufhin schränken sie sich auf die Daten aus den Niederlanden ein, wo die meisten Nebenwirkungen gemeldet wurden. In der Studie wird dies als der „gründlichste“ Datensatz bezeichnet. Dadurch kommen sie auf vier Todesfälle pro 100.000 Einwohnern.

Für Österreich würde das bedeuten, dass bisher etwa 300 Menschen an Impfungen gestorben seien. Laut dem aktuellsten Bericht des Bundesamts für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) wurden in Österreich aber bis Mitte Juni überhaupt nur 132 Todesfälle in zeitlicher Nähe zu einer Impfung gemeldet. Bei vier davon konnte ein Zusammenhang mit der Impfung ausgeschlossen werden, bei 34 weiteren bestanden vermutlich todesursächliche Nebenerkrankungen, bei 20 Personen fiel die Impfung in die Inkubationszeit einer Covid-Erkrankung, in deren Rahmen sie verstarben. Bei 14 Personen blieb die Schutzwirkung aus. 59 Fälle werden noch überprüft, ein Zusammenhang mit der Impfung wird derzeit nur bei einem Todesfall gesehen.

Studie mit begrenztem Zeitraum und nur einer Impfdosis

Die Autoren versuchen auch einen Wert auszurechnen, wie viele Impfungen nötig sind, um einen Corona-Todesfall zu verhindern. Dazu beziehen sie sich auf eine israelische Impfstudie, die der Corona-Impfung eine hohe Effektivität bescheinigte. Daten zur Verhinderung von Todesfällen finden sich dort allerdings nur für Personen mit einer Impfung.

Außerdem umfasste die Studie nur rund 40 Tage, die volle Schutzwirkung der zweiten Impfung kann mit diesem Datensatz daher gar nicht eruiert werden. Somit ist die Schlussfolgerung der umstrittenen Publikation, dass die Impfpolitik aufgrund dieser Publikation neu überdacht werden müsse, sehr fragwürdig.