Krebsforschung

Blutkrebs: Neue Hoffnung durch innovative Therapien

Erfolgreiche Forschung und innovative Therapien sollen Patient:innen mit Blutkrebs neue Hoffnung in Bezug auf eine Verlängerung ihres Lebens und der Erhaltung der Lebensqualität bis hin zur Heilung bieten. Besonders bei der chronisch lymphatischen Leukämie (CLL) und Multiplen Myelomen (MM) wurden in den letzten Jahren umfassende Fortschritte erzielt, hieß es von Fachbereichsexperten der Initiative „Leben mit Krebs“ in einem Pressegespräch am Dienstag.

red/Agenturen

Bei Blutkrebs handelt es sich um onkologische Erkrankungen des blutbildenden Systems, welche das Blut, das Knochenmark oder das lymphatische System betreffen. Insgesamt gibt es 137 Arten, wozu unter anderem Leukämien, Lymphome, Multiple Myelome (MM) und Myelodysplastische Syndrome zählen. Jährlich erkranken mehr als 1.000 Österreicher an Leukämie, der Großteil davon an CLL und etwa 500 an MM (Knochenmarkkrebs), so die Initiative. Beide Formen betreffen primär Menschen im fortgeschrittenen Alter.

Nicht nur die Forschung stehe zunehmend unter Zeitdruck, sondern auch behandelnde Ärzte. „Früher reichte unter Umständen ein Arzt-Patienten-Gespräch von einer halben Stunde aus, um alle Aspekte einer Chemotherapie zu erklären. Umso schwieriger ist es, dieses komplexe Wissen auch für Laien verständlich zu vermitteln“, erklärte die ärztliche Direktorin des Wiener AKH und Präsidentin der „Leben-mit-Krebs“-Initiative, Gabriela Kornek. Ziel sei es, Patien:innen zu informieren, damit diese gut gerüstet in die Behandlung gehen können.

Das Multiple Myelom (MM) ist die Erkrankung des blutbildenden Systems, bei der sich Plasmazellen im Knochenmark ausbreiten. Das Therapieverfahren funktioniert auf drei Stufen: Stabilisieren, Lindern und Zurückdrängen der Erkrankung. Behandelt wird neben klassischen Methoden wie Stammzelltransplantation und einer Strahlentherapie mit zahlreichen Arzneimitteln wie Antikörper (Belamaf, Daratumumab), Immunmodulatoren (Pomalidomid, Lenalidomid, Iberdomid) und Proteasomeninhibitoren (Bortezomib, Carfilzomib). Eine weitere Behandlungsmöglichkeit ist die CAR-T-Zell-Therapie: Eine Immuntherapie, bei der Betroffenen T-Zellen (weiße Blutkörperchen) entnommen, danach vermehrt und genetisch so verändert werden, dass sie sich nach ihrer Wiedereinbringung in den Körper gegen Myelomzellen richten und diese eliminieren können.

„Bereitschaft, über Krankheit zu sprechen, größer“

Die Nebenwirkungen einer solchen CAR-T-Zell-Therapie können mit Zytokin-Freisetzungssyndromen (systemische Entzündungsreaktion), neurologischen Nebenwirkungen, Infektkomplikationen und Zytopenien (verminderte Blutzellzahl) schwerwiegend sein. Bei der Behandlung mit Antikörper Belantamab mafodotin (Belamaf) können Nebenwirkungen wie die Veränderung der Hornhaut, Sehstörungen und verschwommenes Sehen auftreten, diese seien allerdings reversibel, erklärte Eva Maria Autzinger von der Abteilung für Onkologie und Hämatologie der Barmherzigen Schwestern Wien.

Eine geeignete Therapie ist hier primär von der Schwere der Erkrankung, vom Alter und den Begleiterkrankung der Patient:innen abhängig. Trotz einer Verbesserung der Behandlungsergebnisse durch die Kombination konventioneller und neuer Wirksubstanzen, ist eine vollständige Heilung nur bei sehr wenigen Betroffenen möglich. Daher ist das Behandlungsziel eine Lebenszeitverlängerung bei bestmöglicher Lebensqualität. „Neue Therapieoptionen verlängern den Zeitraum, in dem die Krankheit nicht nachweisbar ist und die Patienten kein Krankheitsgefühl verspüren und folglich auch nicht behandelt werden müssen“, hieß es am Dienstag.

Ein Positiv-Beispiel meldete sich dazu am Dienstag zu Wort. „Ich bin ein gelungenes Beispiel. Ich bin 74 und seit drei Jahren therapiefrei. Ich fühle mich gut und habe gar nichts mehr. Nichts, nada, niente“, erzählte Elfie Jirsa, MM-Patientin. Sie sei froh, dass MM erst spät entdeckt zu haben, da somit neue Behandlungsmethoden zum Einsatz kamen. „Heute ist die Bereitschaft über diese Krankheit zu sprechen viel größer, stimmte Gabriela Kornek zu.

Obinutuzumab und Co.

Die chronisch lymphatische Leukämie (CLL) ist eine chronische Krankheit, bei der sich infektabwehrende weiße Blutkörperchen (Lymphozyten) stark vermehren. Diese Krebsform verursacht meist lange Zeit keine Symptome und werde daher häufig im Rahmen einer Routine-Untersuchung wie einer Blutabnahme zufällig erkannt. Behandlungsbedarf bestehe meist erst dann, wenn die Krankheit auch Beschwerden verursacht. Mittlerweile stehen Betroffenen neben Chemo- und Antikörpertherapien, die meist intravenös verabreicht werden, Medikamente in Tablettenform zur Verfügung.

Diese Inhibitoren (modern zielgerichtete Substanzen) blockieren bestimmte Proteine, die für das Wachstum und Überleben der Krebszellen zuständig sind und kommen mittlerweile zunehmend als Erstlinientherapie zum Einsatz. Bei dieser Behandlungsmethode kommen einerseits Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitoren (BTK-Inhibitoren) wie Ibrutinib, Acalabrutinib, Zanubrutinib oder Pirtobrutinib und andererseits BCL2-Inhibitoren wie Venetoclax, aber auch der neue CD20-Antikörper Obinutuzumab zum Einsatz. „Wenn man Glück hat, nimmt man diese für ein Jahr und hat die Krankheit nie wieder“, so Daniel Heintel vom Zentrum für Onkologie und Hämatologie an der Klinik Ottakring. Aktuelle Daten belegten auch den Erfolg einer Doppeltherapie mit sowohl BTK- als auch BCL2-Inhibitoren. Therapieziel ist vor allem eine Krankheitskontrolle, bei der Wirkung und Nebenwirkung der Behandlung in einem guten Verhältnis stehen sollen.

Allerdings wies Heintel auch daraufhin, dass die Behandlung von Krebserkrankungen weiterhin nicht einfach sei. „Chemotherapiefrei heißt nicht nebenwirkungsfrei“, so der Onkologe. So zeige der BTK-Inhibitor Ibrutinib zwar eine hohe Wirksamkeit, allerdings auch erhöhte Nebenwirkungsraten für Bluthochdruck, Vorhofflimmern, Blutungsneigung und Gelenkschmerzen. Neuere Inhibitoren wie Acalabrutinib oder Zanubrutinib zeigten im Vergleich dazu eine gleich gute Wirksamkeit mit reduzierten Raten für Bluthochdruck und Vorhofflimmern.

 

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