Fehlendes Protein macht Krebszellen beweglicher und unempfindlicher

Warum sich bei manchen Krebspatienten Metastasen bilden und bei anderen nicht, ist noch weitgehend unklar. Wissenschafter des Institute of Science and Technology (IST) Austria haben nun ein Protein entdeckt, das eine wichtige Rolle bei der Metastasierung spielen könnte. Fehlt es in Krebszellen, sind diese beweglicher und belastbarer, berichten die Forscher im Fachjournal „Frontiers in Oncology“.

red/Agenturen

Die Forscher um Daria Siekhaus vom IST Austria wurden auf das Protein MFSD1 aufmerksam, als sie herausfanden, dass ein verwandtes Eiweiß die Zellwanderung in Fruchtfliegen beeinflusst. Um seine Rolle in Säugetieren zu entschlüsseln, erzeugten sie Krebszellen von Mäusen, denen das Protein fehlte. Es zeigte sich, dass diese Zellen viel schneller wandern. Offensichtlich hindert MFSD1 die Bewegung der Zellen.

Gemeinsam mit Kollegen der Universität Zürich wurde die Theorie an lebenden Mäusen mit Brust-, Darm- und Hautkrebs getestet. Tatsächlich kam es „in Abwesenheit von MFSD1 zu einem starken Anstieg der Metastasierung“, so Siekhaus in einer Aussendung. Die Forscher fanden heraus, dass Tumorzellen ohne MFSD1 auch bestimmte Rezeptoren (Integrine) fehlen. Diese sorgen dafür, dass die Zellen an ihrer Umgebung haften. Fehlen sie, können die Zellen leichter wandern.

Weil Krebszellen auf ihren Wanderungen großen mechanischen Belastungen ausgesetzt sind, etwa wenn sie in den Blutkreislauf gelangen, untersuchten die Forscher, ob das Protein Einfluss auf ihre Widerstandskraft hat. Während Zellen mit MFSD1 schnell unter mechanischer Belastung abstarben, blieben solche ohne das Protein weitgehend intakt. Ähnliche Ergebnisse zeigten sich, wenn die Krebszellen einem Nährstoffmangel ausgesetzt wurden. Auch hier überlebten Zellen ohne MFSD1 länger.

Die Analyse von Patientendaten durch Rita Seeböck vom Universitätsklinikum St. Pölten (NÖ) stützt die Ergebnisse der IST-Forscher. „Wir haben gesehen, dass Patient:innen mit bestimmten Formen von Brust-, Magen- und Lungenkrebs, die einen niedrigeren MFSD1-Spiegel aufwiesen, eine schlechtere Prognose hatten. Ein hoher MFSD1-Spiegel scheint zu schützen - er unterdrückt Tumormetastasierung“, erklärte Erstautor Marko Roblek aus Siekhaus' Forschungsgruppe.

Mit MFSD1 könnte sich den Forschern zufolge ein Marker etablieren, mit dem man die Aggressivität des Krebses klassifizieren und über Behandlungsmöglichkeiten entscheiden könnte. Sie wollen auch untersuchen, ob eine künstliche Erhöhung des MFSD1-Spiegels dazu beitragen könnte, die Ausbreitung bestimmter Tumoren zu unterdrücken.