Interview Männergesundheit

„Grundsätzlich gibt es keine Andropause“

Mit dem Schlagwort „Movember“ können mittlerweile recht viele Menschen etwas anfangen: Fancy Bärte sollen ein Zeichen wider die sprichwörtliche „Vorsorgemuffeligkeit“ rund um Prostatacheck und Co. unter den Männern setzen. Prävention ist aber nicht nur im November, sondern immer ein Thema. medinlive hat mit dem Urologen Erik Randall Huber über Themen wie Testosteron im Alter oder wenig aussagekräftige Spermiogramme gesprochen – und warum ihn Mumps manchmal zur Verzweiflung treibt.

Eva Kaiserseder

medinlive: Was sind denn die Themen, die Ihnen in der Praxis am häufigsten begegnen, wenn wir uns explizit auf die Männergesundheit konzentrieren und nicht auf die gesamte Urologie?

Erik Randall Huber: Hier muss man differenzieren, in welchem Alter jemand kommt. Das beginnt bei jungen Burschen angefangen mit Themen wie nächtlichem Einnässen oder Verengungen der Vorhaut, die zu den häufigsten Problemen in dieser Altersgruppe zählen.

medinlive: Und welche Probleme sind bei adoleszenten Männern zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr zu beobachten?

Huber: Hier treten immer wieder einmal Varikozelen, also Krampfadern am Hoden, oder Hodentumore auf, die dann auch hinsichtlich eines Kinderwunsches relevant sind. Was diese Altersgruppe ebenfalls umtreibt, ist ein gewisser Performancedruck rund um die Sexualität.

Auch sexuell übertragbare Krankheiten sind wieder im Steigen begriffen, zum Beispiel Tripper oder auch Chlamydien. Zudem sehen wir auch oft vom HPV-Virus verursachte Kondylome (Feigwarzen, Anm. d. Red.).

medinlive: Bei der Altersgruppe ab 40, wie sieht es da aus? Ist hier Kontrolle schon ein Thema?

Huber: Je nach Risikoprofil sollten Männer beginnen, ab da an zur Kontrolle zu gehen. Ein Grund für eine frühe Kontrolle ab 40 wäre etwa, wenn es in der Familie Fälle mit Prostatakrebs gibt.

medinlive: Was passiert bei so einer Kontrolle?

Huber: Es geht natürlich nicht nur um die Prostata, wie viele glauben, es geht um Prävention im weiteren Sinne. Auch Hoden, Vorhaut und Penis werden bei einer solchen Untersuchung kontrolliert.

Beim Prostatakrebs gibt es denjenigen, der gefährlich werden kann, aber es gibt auch denjenigen, den man nur beobachtet und kontrolliert. Ein gar nicht so kleiner Teil der betroffenen Männer steht unter dieser active surveillance.

Grundsätzlich wird die Prostata größer mit dem Alter, was man an einer Veränderung im Harnstrahl merkt. Das ist nicht unbedingt gefährlich, aber mögliche Folgen sind etwa eine Verdickung der Blasenwand, es kann durch die Irritation zu einem so genannten LUTS (lower urinary tract symptoms) führen. Einerseits entsteht dann eine Drangsymptomatik, man muss häufiger auf die Toilette, andererseits kann es aber auch vermehrt zu Infekten kommen.

medinlive: Haben Sie das Gefühl, dass Männer wirklich diese viel zitierte Scheu vor der urologischen Vorsorgeuntersuchung haben?

Huber: Die wenigsten haben Angst. Natürlich gibt es Angenehmeres, aber wir Urologen sind gut geschult und bei dem Thema sehr empathisch, das ist wichtig. Was wir allerdings wissen, ist, dass weitaus weniger Männer zur Vorsorgeuntersuchung gehen als Frauen präventiv zum Gynäkologen. Bei uns ist das noch nicht so etabliert, es wird aber immer besser.

medinlive: Ist der PSA-Wert hier immer noch der essentielle Marker, wenn es um die Prostata geht?

Huber: Ja. Es gibt hier keine anderen Werte, die relevanter wären. Man muss allerdings dazusagen, dass der einzelne, absolute Wert nicht mehr die Bedeutung hat, die er früher vielleicht hatte. Früher wurden viele Menschen mit Prostatakrebs operiert, bei der die Operation eigentlich unnötig war. Heute wird die Dynamik des PSA-Wertes viel genauer beobachtet und anhand der Veränderungen beurteilt. Außerdem machen wir bei allen Patienten spezielle MR-Untersuchungen, wenn der PSA-Wert erhöht ist, was die Genauigkeit noch einmal stark erhöht.

medinlive: Wie sehen dann die weiteren Schritte aus?

Huber: Wenn es sich um einen signifikanten Prostatakrebs handelt, kann man hier ganz gezielt biopsieren mittels der so genannten Fusionsbiospie. Hier werden MR-Bilder in ein Ultraschallgerät eingespielt, um das betroffene Areal ganz exakt zu untersuchen. All das ist natürlich ein großer Vorteil für den Patienten, denn Prostatakrebs muss ja nicht immer behandelt werden. Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, etwa 30 bis 40 Prozent meiner Patienten mit Prostatakrebs laufen unter active surveillance. Sie werden also kontrolliert und beobachtet, aber nicht zwingend behandelt oder operiert.

medinlive: Wie sieht es mit dem Thema Hormonbehandlung aus beim Prostatakrebs?

Huber: Als alleinige Methode macht man es eher nicht mehr, nur begleitend zum Beispiel bei einer Strahlentherapie. Grundsätzlich ist das aber eher ein Nachteil für den Patienten, man nimmt Testosteron weg und bekommt Nebenwirkungen, hat aber keinen Überlebensvorteil.

medinlive: Vor Kurzem ging eine Meldung durch die Medien, dass die Spermienzahl bei jungen Männern abnimmt. Warum ist das so und was hat das für Konsequenzen?

Huber: Eine weltweite Abnahme der Spermienzahl bedeutet nicht automatisch, dass man weniger fruchtbar ist. Es gibt diese globale Abnahme, ja, aber die bewegt sich noch in der Norm, damit sind die Männer noch genauso fruchtbar wie vor rund 20, 30 Jahren. Natürlich gibt es immer wieder Patienten mit einem abnormen Spermiogramm. Aber dazu muss man sagen: Ein Spermiogramm ist kein Spermiogramm. Da kann schon ein vorheriger fieberhafter Infekt ein paar Tage vorher daran „Schuld“ sein, dass man hier keine Samenzellen findet. 

medinlive: Welche Ursachen beeinflussen denn die Spermienqualität?

Huber: Es gibt viele Faktoren, die etwa ein Spermiogramm beeinflussen, und unterschiedlichste Vermutungen, was die Spermienqualität beeinflusst, etwa Phytoöstrogene oder Weichmacher. Es ist aber fraglich, ob es dazu jemals eine endgültige Aussage geben wird und gegen die meisten Faktoren können wir auch nichts machen.  

Wo wir hingegen sehr wohl etwas machen können, ist das Thema Orchitis: Ich sehe immer wieder junge Männer, die eine Hodenentzündung im Rahmen einer Mumpsinfektion als Kind hatten, weil sie impfkritische Eltern hatten. Das treibt einen dann schon zur Verzweiflung. Denn diese Männer können selbst mit der Hilfe künstlicher Befruchtung keine Kinder mehr zeugen und so etwas ist absolut vermeidbar, wenn man aktiv dafür sorgt, dass die Buben geimpft werden.

medinlive: Apropos Kinderwunsch, was ist hier aus ärztlicher Sicht zu beachten?

Huber: Paare, die nervös werden, wenn nach zweimal Sex noch kein Kind unterwegs ist, die dann strikt nach Terminplan Sex haben und ängstlich werden, da muss man versuchen, Druck rauszunehmen. Den weiteren Weg beschreiten diese Paare dann ohnehin mit Kinderwunschspezialisten, aber wir können helfen zu schauen, in welche Richtung man weitergeht.

Das Spermiogramm alleine sagt jedenfalls nichts über die Fruchtbarkeit aus, man muss kontrollieren, ob es noch andere Störungen gibt, wie etwa die Anatomie der Harnröhre, ob es hier Probleme mit dem Samenzellendepot gibt. Oder ob eventuell ein Hodentumor vorliegt. Das bemerken Männer nicht unbedingt zwingend und solche Tumore sind oft die Ursache für Unfruchtbarkeit. Übrigens sind diese in der Regel gut behandelbar. Deswegen gilt es bei einem unerfüllten Kinderwunsch, nicht nur an das Spermiogramm zu denken, sondern auch immer eine urologische Untersuchung einzuplanen .

medinlive: Thema Andropause bzw. Hormone: Sie sind bei den Frauen ein großes Thema, sobald der Wechsel in Sicht ist. Wie sieht das bei den Männern aus, Stichwort hormonelle Veränderungen?

Huber: Grundsätzlich gibt es keine Andropause, das würde nämlich bedeuten, dass es nach selbiger gar keine männlichen Sexualhormone mehr gibt. Bei einer Frau ist es tatsächlich so, dass die Östrogenproduktion nach dem Wechsel vorbei ist. Bei einem Mann kann es ebenfalls sein, dass der Testosteronspiegel zurückgeht. Man nennt das late onset hypogonadism, es bedeutet aber nicht, dass man als Mann automatisch weniger Testosteron im Alter hat oder gar überhaupt keines mehr. Viele Männer haben auch in hohem Alter noch einen normalen Testosteronwert. Wenn der Hoden kleiner wird, etwa durch eine Kachexie oder ähnliches, geht natürlich die Testosteronproduktion auch zurück, das ist klar bei einem endokrinen Organ.

medinlive: Wie macht sich ein Testosteronmangel bemerkbar?

Huber: Das allgemeine Testosteronmangelsyndrom umfasst Symptome wie Müdigkeit, Libidomangel oder Antriebslosigkeit und ist den Symptomen einer Depression ähnlich. Hier muss man also differenzieren und auch in diese Richtung abklären. Jedenfalls ist ein Testosteronmangel unbedingt zu ersetzen, etwa durch Gel oder regelmäßige Spritzen. Immer wieder erlebe ich es übrigens, dass der Körper dann die eigene Hormonproduktion wieder ankurbelt, obwohl diese bei einer Substitution ja zurückgefahren wird. Hier kann man dann durchaus wieder pausieren mit der Gabe. Leider wird die Substitution nur in Ausnahmefällen, etwa bei genetischen Erkrankungen oder dem Verlust der Hoden, bezahlt. Dabei wissen wir, dass zum Beispiel das kardiovaskuläre Risiko steigt, wenn zu wenig Testosteron da ist.

medinlive: Gibt es noch andere Krankheitsbilder, bei denen Testosteron ebenfalls eine Rolle spielt?

Huber: Ja. Eine ganz wichtige Botschaft an alle Ärzt:innen ist zum Beispiel auch, bei Typ 2 Diabetikern unbedingt den Testosteronspiegel zu kontrollieren. Wenn er zu niedrig ist, gehört hier supplementiert, denn das bedeutet eine deutliche Verbesserung der Gesamtsituation des Diabetikers. Wir wissen, dass diese Menschen dann viel weniger Medikamente benötigen, es hilft den Betroffenen grundsätzlich, sie bauen zum Beispiel mehr Muskeln auf und entwickeln weniger Fett, was ideal ist.

medinlive: Gibt es außerdem Botschaften, die Sie den Kollegen bezüglich Männergesundheit noch ans Herz legen möchten?

Huber: Es gibt eine Sache, die ich immer wieder sehe und wo ich gerne etwas dazu sagen möchte. Die wenigsten Vorhautverengungen bei Burschen müssen operiert werden, das ist ganz wichtig zu wissen. Die Leitlinien Kinderurologie besagen ganz klar, es werden über 95 Prozent Beschneidungen mit medizinscher Indikation unnötig vorgenommen. Es ist also ganz wichtig, mit seinem Kind zu einem kinderurologisch geschulten Kollegen zu gehen, bevor man die Vorhaut operiert. Ein Eingriff ist nur bei narbiger Schrumpfung indiziert, größtenteils ist das iatrogen verursacht, weil die Eltern dazu angehalten wurden, die Vorhaut mit Gewalt zurückzuziehen.

Die dabei häufig entstehenden Vorhauteinrissen führen in Folge zu einer narbigen Schrumpfung.  Eine physiologische Phimose kommt sehr häufig vor und ist durch einen geschulten Urologen leicht von einer pathologischen Phimose zu unterscheiden. Vom Großteil der Phimosen bei Kindern sollte man also bitte tunlichst die Finger lassen. Nach der Pubertät hat sich das ausgewachsen.

Und was ich hier im Rahmen der Männergesundheit noch betonen möchte, ist die Wichtigkeit, schon mit Eintritt der Geschlechtsreife einmal bei uns Urologen vorbeizuschauen. Zu einem Gespräch, wo man sich auch über das Thema Sexualität unterhält, denn wir haben hier einfach interessantes Fachwissen und viele Informationen für junge Menschen.

Und etwas später ist eine routinemäßige Untersuchung der Hoden absolut sinnvoll, auch hinsichtlich der Kinderwunschfrage. Ich würde mir wünschen, dass die Urologen für Männer ein genauso gut etablierter Ansprechpartner werden wie die Gynäkologen für die Frauen. Und ich glaube, wir sind hier auf einem guten Weg.

medinlive: Ich bedanke mich für das Gespräch!

Zur Person

Erik Randall Huber ist Facharzt für Urologie und Andrologie, unter anderem ist er Spezialist für Inkontinenz und Erkrankungen des Beckenbodens. Seit Juni 2013 ist er  nach Stationen etwa an der Neuro-Urologie der Universitätsklinik Innsbruck als urologischer Kassenvertragsarzt in Wien 20 tätig. Seit 2002 ist er zudem aktiv in die Standespolitik der Wiener Ärztekammer involviert, im Juni 2022 wurde er zum Kurienobmann der Niedergelassenen Ärzte und Vizepräsidenten der Wiener Ärztekammer gewählt. Der zweifache Familienvater ist in seiner Freizeit begeisterter Mountainbiker und Skitourengeher.

 

 

Erik Randall Huber
Erik Randall Huber ist Urologe in der Niederlassung und plädiert für sinnvolle Prävention rund um das Thema Männergesundheit.
Stefan Seelig
„Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, etwa 30 bis 40 Prozent meiner Patienten mit Prostatakrebs laufen unter active surveillance. Sie werden also kontrolliert und beobachtet, aber nicht zwingend behandelt oder operiert."
„Das allgemeine Testosteronmangelsyndrom umfasst Symptome wie Müdigkeit, Libidomangel oder Antriebslosigkeit und ist den Symptomen einer Depression ähnlich. Hier muss man also differenzieren und auch in diese Richtung abklären. Jedenfalls ist ein Testosteronmangel unbedingt zu ersetzen (...)."