Onkologentagung

Immer mehr Krebspatienten

Bei Männern in Deutschland wurde eine Zunahme bis 2025 um 13 Prozent verzeichnet. Bei Frauen ein Plus von sechs Prozent.

red/Agenturen

Das Gesundheitswesen muss sich auch in den kommenden Jahren auf eine wachsende Zahl von Krebs-Neuerkrankungen einstellen. Hinzu kommt, dass immer mehr Betroffene länger leben werden, hieß es Samstagmittag beim deutsch-österreichisch-schweizerischen Hämatologen- und Onkologenkongress in Wien.

Frühere Diagnosen und bessere Therapien

An dem Kongress (bis 2. Oktober) nehmen rund 6.000 Spezialisten teil. Die deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) hat eine Bedarfsrechnung für die Versorgung von Krebspatienten im Vergleich der Jahre 2014 und 2025 angestellt. Der Vorsitzende der Fachgesellschaft, Carsten Bokemeyer, stellte bei einer Pressekonferenz die Hauptergebnisse dar: „Es wird in Deutschland eine Zunahme der jährlichen Neuerkrankungen bei Krebs von plus 15 Prozent bei den Männern und plus acht Prozent bei den Frauen geben.“

Frühere Diagnosen und bessere Therapien führen zu einer höheren Heilungsrate, gleichzeitig können auch Patienten mit primär unheilbaren Krebserkrankungen länger stabil gehalten werden. Das Ziel geht dahin, aus mehr Krebsleiden chronische Krankheiten zu machen. Diese Entwicklung führt auch „automatisch“ zu mehr mit solchen Krankheiten lebenden Patienten. Bokemeyer sagte: „Diese Prävalenz (Zahl der mit Krebs lebenden und langfristig zu versorgenden Kranken, Anm.) wird bei den Männern um 13 Prozent und bei den Frauen um sechs Prozent steigen.“ Gemeinsam mit der zunehmenden Konzentration der Bevölkerung in Ballungszentren und der Überalterung (mit mehr Krebspatienten) in ländlichen Regionen kann das ein erhebliches Problem werden.

Wissenszuwachs durch CAR-T-Zelltherapie

Der geschäftsführende Vorsitzende der DGHO, Michael Hallek, betonte bei der Pressekonferenz den Wissenszuwachs, den man durch die neuesten Entwicklungen, zum Beispiel durch die Einführung der Therapie von Blutkrebspatienten ohne sonstige Behandlungsalternative mit Strategien wie CAR-T-Zellen bekommen hätte. Langzeit-Überlebensraten von 40 bis 60 Prozent bei Kranken, für die sonst keine Alternativen mehr bestanden hätten, würden einen bedeutsamen Hinweis auf den Wert solcher Therapien geben.

Kongresspräsidentin Hildegard Greinix (MedUni Graz) verwies angesichts bisher vorliegender Studienergebnisse zur CAR-T-Zelltherapie aus kleinen Studien auf die nächste Zukunft: „Es laufen derzeit randomisierte große Studien mit großen Patientenzahlen an.“ Durch die zufällige Zuteilung von Patienten zu unterschiedlichen Therapieformen („randomisiert“) soll ein umfassenderes Bild über die Wirksamkeit der Behandlung von Blutkrebserkrankungen mit von Patienten gewonnenen und gentechnisch veränderten Abwehrzellen gewonnen werden. An den Untersuchungen nehmen auch mehrere österreichische Kliniken teil.

Großes zeitgeschichtliches Projekt

Als eine der besten wissenschaftlichen Studien bei dem Kongress wurde eine Untersuchung von Klaus Geissler (Krankenhaus Hietzing) beurteilt. Auf der Basis von 359 Blutproben von Patienten mit chronisch myelomonozytärer Leukämie (CMML), die bei manchen Patienten in eine akute myeloische Leukämie übergeht, konnte das Wissenschafterteam zeigen, dass bei einem hohen Anteil der Betroffenen Mutationen im RAS-Gen dafür verantwortlich sein dürften. Das könnte ein möglicher Zielpunkt für medikamentöse Therapien sein.

Die DGHO hat in Wien auch ein großes zeitgeschichtliches Projekt vorgestellt: Eine Biografie des jüdischen Arztes und Schriftstellers mit altösterreichisch deutschen und böhmisch-tschechischen Wurzeln Josef Löbel (1882 bis 1942). Der Kurarzt (Franzensbad), in der Zwischenkriegszeit Verfasser des von den Nazis arisierten Medizin-Bestsellers „Knaurs Gesundheitslexikon“, der mit Josef Roth befreundet war, nahm sich 1942 in Prag das Leben. Seine Frau war kurz zuvor nach Theresienstadt deportiert worden. Sie starb im Konzentrationslager Auschwitz. Die medizinische Fachgesellschaft hat die Patenschaft über das Buch „Dr. Josef Löbel - Botschafter eines heiteren deutschen Medizin-Feuilletons in Wien-Berlin-Prag“ von Peter Voswinkel übernommen.