Medizingeschichte

Japanische Forscherin analysiert Schnitzlers Werk

Wie stand es vor mehr als 100 Jahren in Wien um das Verhältnis zwischen Arzt und Patient? Und vor allem: Wie hat sich dieses im literarischen Werk von Arthur Schnitzler niedergeschlagen? Diesen Fragen widmet sich die japanische Literaturwissenschafterin Tomoyo Kaba, die die Ergebnisse ihrer Forschungen in den beiden jüngst erschienenen Sammelbänden der ÖAW-Arbeitsgruppe „Geschichte der Medizin und Medical/Health Humanities“ veröffentlicht hat.

red/Agenturen

Mit ihrem Ansatz habe sie wissenschaftliches Neuland betreten, wie die Akademie der Wissenschaften in einer Aussendung unterstreicht. So lägen zwar zahlreiche literarische, historische und politische Analysen von Schnitzlers Werken vor, jedoch bisher nur sehr wenige Arbeiten über den medizinischen Aspekt. Im aktuellen Sammelband „Medizin in Wien nach 1945 - Strukturen, Aushandlungsprozesse, Reflexionen“ widmet sich Tomoyo Kaba der Bühnenrezeption von Schnitzlers Ärztestück „Professor Bernhardi“ zwischen 1965 und 1998. Ihre These: Das Stück werde - neben dem gesellschaftspolitischen Aspekt aufgrund des im Stück thematisierten Antisemitismus – auch immer wieder neu inszeniert, um das „jeweils politisch aktuelle Bild der 'Wiener Medizin' zu zeigen“. Auch das Publikum würde die in dem 1911 veröffentlichten, aber hierzulande damals verbotenen Stück als Schauplatz dienende Poliklinik jeweils in der aktuellen Zeit verankern, die Regie spiegle aktuelle medizinische Verhältnisse.

Anhand von Ton- und Videoaufnahmen aus der Österreichischen Mediathek sowie Zeitungskritiken und Programmheften analysierte die Literaturwissenschafterin, die einige Jahre an der Uni Wien forschte und nun in Japan an ihrer Dissertation über Schnitzler arbeitet, nicht nur das optische Erscheinungsbild der Inszenierungen, sondern auch Abweichungen vom Originaltext. So werde ersichtlich, „auf welche Aspekte des Dramas die einzelnen Vorstellungen fokussierten“. Analysiert wurden die Inszenierung von Kurt Meisel am Akademietheater 1965, die Burgtheater-Produktion von Angelika Hurwicz von 1981, Otto Schenks Inszenierung am Theater in der Josefstadt 1987 sowie Achim Bennings Burgtheater-Version von 1998.

Weit mehr über Schnitzlers Beschäftigung mit Krankheiten und deren Umgang durch Ärzte erzählt allerdings der bereits 2018 erschienene Artikel, in dem Tomoyo Kaba Schnitzlers Darstellung von Krankheiten anhand seiner Novellen „Sterben“ und „Traumnovelle“, dem Roman „Frau Berta Garlan“ und schließlich „Professor Bernhardi“ untersuchte. Als Folie diente der Wissenschafterin dabei der im 19. Jahrhundert durch Joseph Dietl geprägte „therapeutische Nihilismus“, nach dem Ärzte nicht Heilkünstler, sondern Wissenschafter seien. Demnach sei die Krankheit ein Naturprodukt, in das Menschen (Ärzte) nicht eingreifen sollten, wodurch die Diagnose über die Heilung gestellt wurde.

Anhand der Krankheitsverläufe in den untersuchten Werken analysiert Tomoyo Kaba die jeweiligen Reaktionen der Ärzte auf Tuberkulose („Sterben“), Sepsis („Professor Bernhardi“, „Berta Garlan“) und Syphilis („Traumnovelle“). Das Spektrum reicht dabei vom empathielosen Diagnostiker bis hin zum einfühlsam auftretenden Arzt, der die Wahrheit über die Schwere der Krankheit verheimlicht und auf Linderung des Leidens setzt. Die Analyse der dargestellten Arzt-Patient-Beziehungen lässt für die Wissenschafterin den Schluss zu, dass Schnitzler gegenüber der zeitgenössischen medizinischen Praxis skeptisch war. Als Symbol dafür steht Professor Bernhardi, der den Priester nicht zum sterbenden Mädchen lassen möchte, um es vor dem Wissen über ihren baldigen Tod im Unklaren zu lassen.

Hier schließt sich wieder der Kreis zu Tomoyo Kabas aktueller Publikation zur Aufführungsgeschichte des Dramas. Nach der Premiere am Burgtheater fragten sich die Zeitungen 1981: „Soll der Arzt dem Patienten die volle Wahrheit sagen?“ und „Soll er das Leben um jeden Preis verlängern?“. Fragen, die auch heute noch aktuell sind.

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