| Aktualisiert:
Intensivmedizin

Studie: Vermutlich Tausende Tote mehr in New York

Eine neue Untersuchung der New Yorker Gesundheitsbehörde vermutet mehr als 5.000 zusätzliche Corona-Todesopfer in der Millionenmetropole. Die am Montag veröffentlichte Studie deutet auf dann insgesamt etwa 25.000 Todesopfer in der Großstadt an der US-Ostküste hin.

red/Agenturen

Sie untersuchte die sogenannte Übersterblichkeit in New York City vom 11. März bis zum 2. Mai - das ist die Abweichung von der angenommenen Totenzahl während des gleichen Zeitraums in einem normalen Jahr.

Für die Zeit zählte die Behörde 32.107 Tote in New York, was einer Übersterblichkeit von 24.172 entspreche. Von dieser Anzahl an Toten, die über der normal zu erwartenden Rate liegt, seien 13.831 Opfer als bestätigte und weitere 5048 schon zuvor als wahrscheinliche Covid-19-Fälle verzeichnet worden. Übrig bleibt die Zahl von 5.293 Toten (22 Prozent), die nicht zugeordnet waren. Diese könnten „direkt oder indirekt auf die Pandemie zurückzuführen sein“, hieß es.

Die Nicht-Erfassung dieser mutmaßlichen Corona-Todesopfer könnte den Experten zufolge unter anderem an Erkrankten liegen, die falsch negativ getestet wurden, außerhalb ärztlicher Kontrolle starben oder deren Tod bisher nicht mit Covid-19 in Verbindung gebracht wurde. New York City mit seinen 8,5 Millionen Einwohnern wurde in Nordamerika mit Abstand am härtesten von der Pandemie getroffen. Eine Umfrage des Bundesstaates deutete darauf hin, dass bereits jeder fünfte New Yorker mit dem Virus infiziert worden sein könnte.

Forscher melden rund 30.000 Corona-Infektionen in US-Gefängnissen

In den US-Gefängnissen haben sich nach Erkenntnissen von Forschern bisher etwa 30.000 Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert, mehr als 300 Menschen starben. Laut am Mittwoch von der Universität von Kalifornien in Los Angeles vorgelegten Zahlen wurden unter den Häftlingen 21.007 Infektionen bestätigt, bei den Gefängnis-Mitarbeitern mehr als 8.700. 295 Häftlinge und 34 Mitarbeiter starben.

Die einzelnen Gefängnisse sind dabei extrem unterschiedlich stark betroffen. Während viele der mehr als 1.000 Haftanstalten nur je einen oder gar keine Fälle meldeten, gibt es in anderen hunderte Infektionen. So wurden etwa im Bundesgefängnis von Marion im Staat Ohio 2.176 Insassen und 175 Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert, zwölf Menschen starben. Im Gefängnis von Pickaway ebenfalls in Ohio wurden 1.670 Häftlinge und 101 Mitarbeiter positiv auf das Virus getestet, 26 von ihnen starben.

Die US-Behörde für Seuchenkontrolle (CDC) erklärte unterdessen, Gefängnismitarbeiter könnten eine wichtige Rolle bei der Weiterverbreitung des Virus in den Gefängnissen spielen. Sie bewegen sich täglich zwischen ihrem Arbeitsplatz und ihrem Wohnort hin und her.

Katastrophale Behandlungsergebnisse in den USA

In den 1960er-Jahren pilgerten viele Ärzte in die USA, um dort ein neues Fachgebiet zu erlernen: die Intensivmedizin. Die Covid-19-Pandemie aber hat gezeigt: Für die Spitzenmedizin in Spitälern und in der Versorgung von Schwerstkranken SARS-CoV-Infizierten sind die Vereinigten Staaten kein Vorbild mehr. Es wurde die bis zu vierfache Mortalitätsrate im Vergleich zu Österreich beobachtet.

„Ich denke, die Outcome-Daten (Ergebnisse; Anm.) aus New York können nur als katastrophal bezeichnet werden. (...) Als österreichische Intensivmediziner sollten wir uns, was die Behandlung unserer Patienten betrifft, daher auch in Zukunft nicht an den USA oder England orientieren“, schrieb jetzt der Tiroler Intensivmediziner und zukünftige Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI), Walter Hasibeder, in einem Beitrag für den ÖGARI-Blog.

Hasibeder führte in den vergangenen Tagen vor allem zwei wissenschaftliche Studien in den in Fachkreisen renommiertesten Medizin-Journalen der Welt an: Auswertungen der Therapie von Covid-19-Patienten in Seattle (New England Journal of Medicine) und in New York (Journal of the American Medical Association - JAMA). Im New England Journal of Medicine hatten US-Intensivmediziner ihre ersten Erfahrungen mit 24 schwer an Covid-19-Erkrankten in neun Krankenhäusern in Seattle und Umgebung - dort waren die ersten SARS-CoV-2-Fälle in den USA aufgetaucht - dargestellt.

Der Tiroler Intensivmediziner: „75 Prozent der Patienten mussten wegen progredienter Hypoxie (zunehmend schlechter werdender Sauerstoffversorgung über die Lunge; Anm.) beatmet werden. (...) Die Mortalität betrug 50 Prozent.“ Bei den Verstorbenen waren 62 Prozent über 65 Jahre alt. „Die Mortalität der Patientinnen und Patienten ist mit 50 Prozent exzessiv hoch.“

New York: Kurze Aufenthaltsdauer bei Covid

Noch viel schlechter sah es in New York aus. In der JAMA publizierten Wissenschafter die Behandlungsergebnisse von insgesamt 5.700 Patienten (mittleres Alter: 63 Jahre) in der Millionenstadt und in den Krankenhäusern der nahen Umgebung.

„Die Outcome-Daten werden für 2.634 Patienten, die entweder das Krankenhaus verlassen oder mittlerweile verstorben sind, berichtet. Von den Patienten unter 20 Jahren (20 insgesamt; Anm.) verstarb niemand. (...) Bei den Patienten, die invasiv mechanisch beatmet wurden, verstarben 88,1 Prozent!!!! Die Mortalitätsraten für nicht mechanisch Beatmete lag bei den 18- bis 65-Jährigen bei 19,8 Prozent und bei den über 65-Jährigen bei 26,6 Prozent“, schrieb Hasibeder.

In Tirol wurde bereits vor Wochen ein eigenes Register auf Intensivstationen behandelte Covid-19-Patienten etabliert. „Nach bisherigen Auswertungen liegt die Sterblichkeit von Covid-19-Erkrankten bei uns deutlich unter den Angaben aus den USA. Tirol liegt nach vorläufigen Analysen der Ergebnisse aller Intensivstationen mi der Mortalität invasiv beatmeter Patienten deutlich unter 20 Prozent.“

Eine Analyse der aktuell öffentlich verfügbaren Daten hat laut OECD darauf hingewisen, dass die Kapazitätsunterschiede in zehn OECD-Ländern enorm sind: An der Spitze liegt Deutschland mit 33,3 Intensivbetten pro 100.000 Einwohnern, gleich dahinter liegt Österreich mit 28,9 Intensivbetten pro 100.000 Menschen. Dann folgen die USA (25,8) und Frankreich (16,3). Der OECD-Schnitt liegt bei 15,9. Schlusslichter sind Italien (8,6), Dänemark (7,8) und Irland (5,0).

In den USA dürfte der Zugang zu Spitälern ein entscheidender Faktor sein. Dieser ist durch Struktur und Finanzierungssystem für den Einzelnen sehr unterschiedlich. Extrem auffällig in New York war die mittlere Aufenthaltsdauer der Covid-19-Patienten von nur 4,1 Tagen in den Krankenhäusern. „Die sehr kurze Aufenthaltsdauer spricht, aus meiner Sicht, für einen extremen Ressourcenmangel an Krankenhaus- und Intensivkapazitäten und daraus resultierender Triage-Medizin.“

Literatur-Update ÖGARI