Coronavirus

Kinderärzte gegen strenge Regeln für Schulen

Der Kindergarten- und Schulbetrieb müsse im Herbst trotz Corona-Pandemie uneingeschränkt beginnen, hat die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) am Donnerstag in einer Aussendung gefordert. Die Hygienemaßnahmen müssten dann verhältnismäßig sein und sollten nicht strenger sein, als in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, heißt es in der Empfehlung.

red/Agenturen

Die Mediziner begründen ihre Forderung mit der Studienlage zur Rolle von Kinder bei der Verbreitung des neuen Erregers: Im Gegensatz zur Influenza dürften Kinder bei der Ausbreitung von SARS-CoV-2 keine wesentliche Rolle spielen, schreiben sie. Studien verwiesen auf ein geringes Übertragsrisiko innerhalb der Schule, SARS-CoV-2-Ausbrüche in Kindergärten seien eine Seltenheit. Außerdem sei innerhalb von Kindergarten oder Schule die Kontaktpersonen-Nachverfolgung einfacher und effizienter möglich als in anderen Bereichen. Gleichzeitig hätten eine Schließung von Schulen und Kindergärten oder der voreilige Ausschluss von Kindern weitreichende Auswirkungen auf das soziale, psychische und geistige Wohlbefinden und bedeute Betreuungsprobleme für die Eltern.

Angesichts dieser Voraussetzungen lehnen die Mediziner Klassenteilungen wie während des Schichtbetriebs im Frühjahr ab, immerhin seien die erlaubten Personenzahlen in anderen Bereichen wie bei Veranstaltungen oder in Geschäften weit höher als in einer Schulklasse. Turnen und Musikunterricht soll es geben, die ÖGKJ empfiehlt allerdings beim Singen zwei Meter Sicherheitsabstand und im Turnunterricht einen möglichen Verzicht auf Kontaktsportarten.

An Schulen soll ein Sicherheitsabstand von einem Meter eingehalten werden, auch auf häufiges Händewaschen bzw. -desinfizieren und regelmäßiges Lüften soll geachtet werden. Ist am Gang oder beim Buffet Abstandhalten nicht möglich, könnte eine Maskenpflicht erwogen werden. Um im Falle einer nachgewiesenen Covid-19-Infektion die Kontaktpersonen leichter nachverfolgen zu können, sollte außerdem eine Durchmischung verschiedener Klassen (etwa in den Pausen) wo möglich vermieden werden.

Atemwegsinfekte sollten nach Expertenmeinung nicht automatisch zu Quarantäne führen

Mit Blick auf den Herbst betonen die Mediziner, dass in dieser Zeit jedes Kind mehrfach Symptome wie Husten und Fieber zeigen werde, die die Kriterien für einen SARS-CoV-2-Verdachtsfall erfüllen, dass es sich dabei aber mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen anderen viralen Infekt handeln werde: Unter den mehr als 1.000 Kindern und Jugendlichen, die in den vergangenen Monaten an der Grazer Uni-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde als Verdachtsfall untersucht wurden, hatten demnach nur 0,5 Prozent tatsächlich eine SARS-CoV-2-Infektion.

Kinder mit Anzeichen einer Infektion sollten nach Empfehlung der Kinderärzte zwar generell zu Hause bleiben, das Auftreten von Atemwegsinfekten bei Kindern dürfe aber nicht automatisch dazu führen, dass das Kind und die Kontaktpersonen in Quarantäne müssen bzw. die Schule geschlossen wird. „Dies würde in der kalten Jahreszeit einer generellen Schulschließung gleichkommen.“ Erst bei einem positiven Testergebnis sollen außerdem Kontaktpersonen eruiert und isoliert werden.

Die ÖGKJ betont außerdem, dass Kindergärten und Schulen von Ärzten nicht verlangen dürfen, eine SARS-CoV-2-Infektion auszuschließen, was anhand der klinischen Symptome auch gar nicht möglich sei. Stattdessen soll bei begründetem Verdacht - und diese Entscheidung obliege nicht der Schule - schnellstmöglich ein PCR-Test beim betreffenden Kind gemacht werden, dessen Ergebnis dann wiederum rasch vorliegen müsse. Dafür wünscht sich die ÖGKJ eine kinderspezifische Hotline und zumindest bezirksweise Entnahme- und Diagnostikstellen.