Österreichischer Impftag

Krebspatienten haben schlechte Abwehrlage

In Österreich leben derzeit mehr als 350.000 Menschen mit Krebs. Ein erheblicher Teil von ihnen dürfte - entweder durch diese Krankheiten an sich oder durch die Therapie - eine ausgesprochen schlechte Abwehr gegen durch Impfung verhinderbare Erkrankungen aufweisen.

red/Agenturen

Dies hat eine neue Studie von Wiener Wissenschaftern (MedUni Wien/AKH) mit Vakzinologen und Onkologen ergeben. Die wissenschaftliche Untersuchung ist aktuell in der Fachzeitschrift der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO/Annals of Oncology) erschienen, die Resultate werden auch beim kommenden Österreichischen Impftag am 18. Jänner in Wien vorgestellt. Als Erstautoren firmierten Angela Guzek vom Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin (MedUni Wien und Anna Sophie Berghoff (Universitätsklinik für Innere Medizin I/Wien) ).

Die Wissenschafter verglichen die Antikörper-Konzentrationen als Zeichen der körpereigenen Abwehr von insgesamt 478 Erwachsenen mit Tumorerkrankungen oder Blutkrebsformen mit jenen von 117 gesunden Personen. Damit wurde die Abwehrlage bei zehn durch Impfung verhinderbaren Erkrankungen untersucht: Masern, Mumps, Röteln, Varizellen, Hepatitis A und B, Diphtherie, Tetanus, Pertussis (Keuchhusten) und FSME.

Die Ergebnisse sprechen für erhebliche Defizite. „Wir haben herausgefunden, dass bei Patienten mit Tumorerkrankungen, wie Brustkrebs, Prostata-, Darmkrebs die Antikörper-Spiegel bei fünf der Erkrankungen signifikant geringer waren als bei den gesunden Kontrollpersonen. Noch drastischer war das bei den Blutkrebspatienten (Multiples Myelom oder Lymphome), wo die Antikörper-Konzentrationen bei allen zehn Erkrankungen niedriger waren“, schrieben die Experten, unter wissenschaftlicher Leitung der Wiener Vakzinologin Ursula Wiedermann-Schmidt und des Onkologen Christoph Zielinski (Vienna Cancer Center).

Keine Lebendimpfstoffe bei schwerer Immunsuppression

Bei den Krebskranken mit sogenannten soliden Tumoren, also Tumoren von Organen, gab es niedrigere Antikörper-Spiegel gegen Masern, Hepatitis B, Diphtherie, Tetanus und FSME. Nicht eindeutig belegt werden konnte, ob diese Effekte durch die Krebskrankheit selbst, die oft immunsupprimierende Krebstherapie (z.B. Chemotherapie, Strahlentherapie etc.) einhergeht oder durch versäumte Impfungen verursacht wurden.

Es ergaben sich aber Hinweise für die Ursachen: Da sowohl Krebspatienten mit Geburtsjahrgang vor wie auch nach der Einführung der Masernimpfung in Österreich (1974) geringere Abwehrkräfte gegen die potenziell gefährliche und hochansteckende Viruserkrankung aufwiesen, dürfte die zumindest die „Masern-Immunschwäche“ eher eine Folge der Krebserkrankung oder der onkologischen Therapie gewesen sein. Bei den bösartigen hämatologischen Erkrankungen könnte das Bild je nach spezieller Form von Blutkrebs unterschiedlich sein.

Die Wissenschafter weisen darauf hin, dass diese Ergebnisse eine erhebliche zusätzliche Erkrankungsgefahr durch per Impfung verhinderbare Infektionen bei Krebspatienten belegen. Gerade deshalb sollten (Auffrischungs-)Impfungen routinemäßig und möglichst früh in der Behandlung von Patienten mit bösartigen Erkrankungen vorgesehen werden.

Grundsätzlich gilt laut einem österreichischen Expertenpapier aus dem Jahr 2016, dass alle Impfungen, die im Österreichischen Impfplan empfohlen werden, vor dem geplanten Start einer immunsuppressiven Therapie und bei chronischen Erkrankungen so früh wie möglich durchgeführt werden sollten. Bei schwerer Immunsuppression sollten Lebendimpfstoffe nicht verabreicht werden. Es kann aber auch Ausnahmen geben.

Anders ist das bei Totimpfstoffen: Keuchhusten, Pneumokokken, Polio-Impfung zum Injizieren, die meisten Influenza-Vakzine, Hepatitis-Vakzine etc. Sie können auch Abwehrgeschwächten gut verabreicht werden. Es gibt auch Strategien, um den Effekt von Immunisierungen zu erhöhen. Eine wichtige Schlussfolgerung dieser Arbeit ist, dass Impfungen zum Gesamtbehandlungskonzept von Krebspatienten gehören.