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Verhaltensbiologie

Kurt Kotrschal sucht den „neuen Menschen"

Der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal widmet sich schwerpunktmäßig Wolf, Hund und Co. Das hindert den ausgezeichneten Wissenschaftskommunikator jedoch nicht, sich in seinem neuen Buch dem Menschen zuzuwenden. Dabei gelingt es ihm nicht nur, sein großes Wissen nachvollziehbar zusammenzuführen, er gibt auch den pointierten Gesellschaftskritiker.

red/Agenturen

Eines vorweg: Kotrschal weiß tatsächlich sehr viel, kommt aber trotz seines ausgewiesenen Talents zum Erklären nicht ohne Fachausdrücke aus. Die Begriffe werden erst im Anhang des Buches erklärt, das heißt für Laien mitunter mehrmals pro Seite blättern zu müssen. Ohne zumindest rudimentäre Vorbildung in den Bereichen Biologie, Psychologie oder Soziologie könnte es also durchaus verwirrend bzw. aufwendig werden.

Dranbleiben zahlt sich aber in jedem Fall aus, denn Kotrschal dekliniert scheinbar mühelos die verschiedenen Erkenntnisstufen durch: Von der Genetik über die Anforderungen der Evolution zur Psychologie, Soziologie oder Philosophie bis weit hinein in das Phänomen der Staatenbildung und Politik. Stellenweise mutiert das Buch zum echten Pageturner, der dem Leser zwar einiges abverlangt, trotzdem oder auch deswegen vielfach zu fesseln vermag.

Von humorig bis grantig

All das gelingt Kotrschal in teils knochentrockener, teils leicht humoriger und manchmal auch grantiger Sprache. So sehr der Forscher zeigt, wie schädliche menschliche Verhaltensweisen - also etwa das blauäugige weitere Befeuern des Klimawandels und des Artensterbens oder die vielfach institutionalisierte Gewalt gegen Frauen - auch durch evolutionsbiologische Mechanismen erklärt werden können, liest sich die differenzierte Analyse nie wie eine Absolution dafür. Vielmehr mahnt Kotrschal eine viel aktivere Auseinandersetzung ein.

Zwar liegt es in der Natur der Verhaltensbiologie, den Blick über das eigene Fachgebiet hinaus schweifen zu lassen, wie der 66-Jährige jedoch teils in Nebensätzen aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen pointiert anspricht und mitunter auseinandernimmt, ist schon erstaunlich. So gelingt ihm, woran der Zeitgeist oft krankt: Nämlich viele tiefe, mitunter aber weit in den Einzeldisziplinen versprengte Einsichten aus vielen Bereichen der Wissenschaft, in eine aktuelle, auch außerhalb des Elfenbeinturms verständliche Annäherung an das Menschsein zu überführen.

Innovationen - ein zweischneidiges Schwert

Eine wiederkehrende Erkenntnis Kotrschals ist die, dass große Innovationen in Laufe der Geschichte letztendlich meist wenige tatsächliche Profiteure beglücken und viele andere in neue Abhängigkeiten von eben diesen drängen. Das passiert schablonenhaft von den durch die Erfindung des Ackerbaus ermöglichten frühen Großsiedlungen bis zu den modernen IT-Multis, die die Gesellschaft durch ihre Datenhoheit mittlerweile stark beeinflussen und zur deren Spaltung beitragen.

Gegen zu große Schwarzmalerei, was die Zukunft unserer Spezies betrifft, verwehrt sich Kotrschal weitgehend. Trotzdem hält er immer wieder fest, wie der Mensch derzeit mehr denn je daran arbeitet, die Natur und die Ökosysteme umfassend zu zerstören. Damit beraubt er sich nicht nur jener Ressourcen, die es braucht, um aus dem Schlamassel vielleicht wieder herauszufinden, sondern enthält sich auch vor, was er u.a. zum Leben braucht: den Zugang zu Natur selbst. Denn als eine bisher zu wenig beachtete „menschliche Universalie“ bringt Kortschal die „Biophilie“ ins Spiel, also die für die menschliche Entwicklung so zentrale „Liebe zum Lebendigen“, die es in der Auseinandersetzung mit Pflanzen und Tieren auszuleben gilt.

Nebenbei löst Kortschal die Ankündigung am Buchcover ein, auf den rund 300 Seiten „neueste Erkenntnisse der Evolutionsbiologie“ zu bringen. Tatsächlich arbeitet er in „Mensch“ stellenweise aktuellste wissenschaftliche Publikationen ein und blickt ein Stück weit in die Zukunft. Auch wenn der „Neue Mensch“ immer wieder in den Raum gestellt werde, „im Grunde gibt es ihn nicht: weder heute noch morgen, und auch nicht übermorgen“, schreibt Kotrschal. Die Lösung der Probleme unserer Zeit obliegt also der Menschheit in ihrer aktuellen Fähigkeit zu Vernunft, Einsicht und Veränderung - und das ist ebenso ent- wie ermutigend.

 

Erstpräsentation des Buches

Der Autor stellt sein Buch am Donnerstag, den 10.10. in der Buchhandlung Thalia, Landstrasser Hauptstraße 2a-2b, 1030 Wien, vor.

Beginn: 19 Uhr.

 

Buchcover Kotrschal_Mensch
Der renommierte Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal beschäftigt sich in seinem neuem Buch unter anderem mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Mensch und Tier.
Brandstätter Verlag