Analyse

Studien der Phase II überschätzen Effekt von Arzneimitteln

Kritiker vermuten schon seit einiger Zeit: Die durch vermehrten Zeitdruck auf den Zulassungsprozess für neue Medikamente leicht erfolgende Überbewertung möglicher Effekte in vorläufigen Phase-II-Studien (Proof of Concept, Dosisfindung) stellt sich als Hürde für die endgültige Zulassung heraus. Das zeigen jetzt Wiener Rheumatologen in einer in Nature Medicine publizierten Literaturstudie.

red/Agenturen

Eine Studiengruppe der MedUni Wien an der Klinischen Abteilung für Rheumatologie (AKH) Wien konnte auf Basis einer systematischen Analyse von Studien auf dem Gebiet der rheumatoiden Arthritis (chronische Polyarthritis) und Psoriasis-Arthritis zeigen, dass klinische Phase-II-Studien systematisch oft die Wirkung von Therapeutika überschätzen und es dadurch zu enttäuschenden Ergebnissen der darauffolgenden Phase-III-Studien kommen kann. „Dies kann grundsätzlich in vielen anderen Bereichen ebenso der Fall sein“, hieß es am Dienstag in einer Aussendung der MedUni Wien. Die aktuellen Hypes rund um potenzielle Covid-19-Medikamente könnten ein ähnliches Beispiel darstellen.

Phase-III klinische Studien sind die ultimativen Wegbereiter neuer Medikamente für die klinische Praxis. Diese Studienprogramme sind umfangreich und sehr teuer, weil sie viele teilnehmende Probanden auch für Placebo-Kontrollgruppen oder möglicherweise weniger wirksamen Kontrolltherapien benötigen. Zwecks Beurteilung der optimalen Dosis und des abzuschätzenden Ausmaßes der Wirksamkeit des neuen Medikaments in der entsprechenden Patientengruppe werden üblicherweise kleinere Phase-II-Studien vorangeschickt. Wenn Phase-II-Studien erfolgreich sind, folgen meist auch die Phase-III-Studien.

Auf Basis einer systematischen Analyse aller derzeit publizierten Studien in der rheumatoiden Arthritis und Psoriasis-Arthritits konnten die Wiener Wissenschafter um Daniel Aletaha jetzt allerdings zeigen, dass Phase-II-Studien systematisch die Wirkung von Therapeutika überschätzen und es dadurch oft zu enttäuschenden Ergebnissen der dann durchgeführten Phase-III-Studien kommt. Das hat dramatische Implikationen für Sponsoren klinischer Studien, aber auch für akademische Gruppen und Patienten. Erstautor Andreas Kerschbaumer konnte zeigen, dass vor allem liberale Einschlusskriterien in Phase-II-Studien das Problem darstellen. Durch eine bedachtere und stringentere Wahl der Einschlusskriterien und der Studienpopulation ließen sich täuschende Ergebnisse vermeiden.“

Diese Ergebnisse zeigen ganz eindeutig, dass die aufgedeckte Problematik nicht nur für eine einzelne Krankheit Gültigkeit hat, sondern auch für andere“, erklärte Studienleiter Daniel Aletaha, „die Datenlage weist zusätzlich darauf hin, dass das hier anhand der Rheumatologie aufgezeigte Problem alle Fachbereiche betrifft“.

Medikamente scheitern schließlich in echten Wirksamkeitsstudien

Viele existente Medikamente werden als Hoffnung für eine erfolgreiche Covid-Therapie angesehen, halten aber bisher in kleinen Studien den Erwartungen nicht stand. Die Forscher ziehen auch Parallelen zu den derzeit anlaufenden zahlreichen Covid-19-Studien: „Gerade angesichts vieler zu erwartenden Phase-II-Studien bei Covid-Medikamenten sind unsere Ergebnisse besonders wichtig, denn es gilt, die Phase-II-Studien so zu planen, dass sie auch tatsächlich aussagekräftig sind und dann in der aufwendigen und kostspieligen Phase-III-Studien bestätigt werden können und nicht widerlegt werden.“

Ein Problem allerdings könnte auch darin liegen, dass Arzneimittelbehörden - zum Beispiel die US-FDA oder die EU-EMA - in der jüngeren Vergangenheit bei potenziellen Medikamenten für bisher nicht oder nur schlecht behandelbare Erkrankungen vermehrt dazu übergegangen sind, Medikamente und Therapien auch auf der Basis kleiner Phase-I- und Phase-II-Studien vorläufig zuzulassen. Das birgt automatisch ein Risiko bezüglich Sicherheit und Wirksamkeit, die dann noch nicht ausreichend belegt sein können.

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Ablenken, Aussperren, Vermehrung unterbinden, Antikörper von bereits Genesenen, Verhindern von Entzündungsstürmen oder Impfstoffe - im Kampf gegen das neue Coronavirus werden momentan viele Ansätze verfolgt.
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