Apothekertagung

Warnung vor Ärzten als Impfkritikern

Falschmeldungen und Gerüchte rund um Impfungen sorgen weltweit immer wieder für Krankheitsausbrüche, Epidemien und Todesfälle.

red/Agenturen

„Das größte problematische Ding sind Ärzte, die vom Impfen abraten“, warnte am Mittwoch bei der Apotheker-Fortbildungstagung der Grazer Pädiater und Infektiologe Werner Zenz (MedUni Graz). „Professionelle Impfkritiker vor den Vorhang zu holen, bedeutet Menschen, welche die Realität verweigern bzw. Verschwörungstheorien vertreten, ein Forum zu geben. Es gibt (unter den Impfgegnern; Anm.) richtige 'Professionisten', die durch die Lande ziehen und ihre Bücher verkaufen“, kritisierte Zenz.

Impfgegnerschaft sollte unter Ärzten besser definiert werden

Er selbst sei nicht für eine generelle Impfpflicht. Doch sollte juristisch Impfgegnerschaft unter Ärzten besser definiert werden. Intensivmediziner, welchen Patienten mit den schwersten Krankheitsverläufen bei durch Impfungen verhütbaren Krankheiten das Leben retten, sollten vermehrt an die Öffentlichkeit treten und über jene Fälle berichten, in denen manchmal selbst aller medizinischer High-Tech-Einsatz versagt.

Der Pädiater führte zahlreiche Studien an, in denen eindeutig die positive Wirkung der Immunisierungen belegt wurde. Umgekehrt gebe es aber auch regelmäßig die Belege für die Schädlichkeit von Defiziten im Impfsystem. In Japan hätte es 1974 Berichte über neurologische Reaktionen auf die Keuchhustenvakzine (Pertussis) gegeben. Zwei Kinder starben im Umfeld einer Impfung. Die Vakzine wurde vom Markt genommen.

Zenz sagte zu den Konsequenzen: „Zwischen 1974 und 1976 fiel die Durchimpfungsrate von 80 auf zehn Prozent. 1979 gab es in Japan dann eine Pertussisepidemie mit 13.000 Fällen und mehr als hundert Todesfällen.“ Die Einführung einer neuen Vakzine habe in dem Land wieder zu einem drastischen Rückgang der Keuchhusten-Erkrankungen geführt.

Besonders schwerwiegend ist derzeit die Situation bei Masern

In Finnland wurde eine große Studie mit 114.000 Kindern zur Haemophilus influenzae B-Impfung durchgeführt. 58.000 an ungeraden Tagen geborene Kinder erhielten die HiB-Impfung früh (3., 4., 6. und 16. Lebensmonat). 56.000 Kinder mit geradem Geburtsdatum bekamen die Impfung erst im 24. Lebensmonat. In der ersten Gruppe gab es nur vier Fälle invasiver HiB-Infektion, in der Vergleichsgruppe hingegen 64 Fälle.

„Vor der Einführung der Impfung gegen Haemophilus influenzae B in Österreich (1993) hatten wir pro Jahr rund hundert invasive HiB-Infektionen, zu 70 Prozent Meningitis, zu 20 Prozent Epiglottitis (potenziell ebenfalls lebensgefährliche Entzündung des Kehlkopfdeckels; Anm.) und in zehn Prozent der Fälle eine Sepsis. Seit neun Jahren hatten wir neun solcher Fälle.“ Das hätte in 20 Jahren rund 2.000 „ersparte“ schwere HiB-Erkrankungen bedeutet.

Besonders schwerwiegend ist derzeit die Situation bei den Masern. „Die weltweite Zahl der registrierten Erkrankungen hat sich 2018 mit 229.000 Erkrankungen gegenüber dem vorangegangenen Jahr verdoppelt. In Europa gab es 2018 rund 80.000 Fälle mit 72 Todesfällen“, warnte Zenz.

Impfen
In Ungarn gibt es bereits seit den 1960er-Jahren eine Masern-Impfpflicht, wobei die Impfpflicht inzwischen für zehn Erreger eingeführt wurde.
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