Wissenschaftsskepsis - Beschimpfungen für „den Versuch, aufzuklären“

Die Wissenschaft ist in den vergangenen zwei Jahren stark in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Diese gesteigerte Aufmerksamkeit wirkte sich aber nur zum Teil positiv aus, das Vertrauen in die Wissenschaft fehlt vielfach. Wie dieses fehlende Vertrauen gestärkt werden kann, diskutierten Experten bei einer Podiumsdiskussion am Montagabend in Wien. Tenor: Es braucht zwischenmenschliches Vertrauen und ein Zusammenspielen aller Akteure.

red/Agenturen

Der Eurobarometer-Umfrage aus dem vergangenen November zufolge ist das Interesse an Wissenschaft in Österreich im internationalen Vergleich niedrig. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass Wissenschaft für ihr tägliches Leben nicht wichtig sei, und rund ein Drittel glaubt demnach, dass Forscher nicht ehrlich sind.

Ein Grund für das fehlende Vertrauen sei, dass zu wenig Wissenschaftskommunikation betrieben werde, so der Komplexitätsforscher Peter Klimek bei dem vom Bildungsministerium organisierten „Science Talk“ mit dem Titel „Wissenschaft zwischen Zustimmung und Skepsis“. Bewertet würden Forscher eher nach anderen Kriterien, wie der Anzahl ihrer Publikationen, also gebe es für sie wenig Anreize, öffentlich über die eigene Forschung zu reden und „sich dafür anfeinden zu lassen, dass sie den Mund aufmachen.“

Gleichzeitig sei nicht jeder Wissenschafter ein guter Geschichtenerzähler. Daher sieht der aktuelle „Wissenschafter des Jahres“ es als Aufgabe der dahinterstehenden Institutionen, Forschung und ihre Ergebnisse gut zu präsentieren: „Das kann man nicht von jedem Wissenschafter selbst erwarten.“ Wichtiger als das Vertrauen in die Institutionen, so Klimek, sei aber das zwischenmenschliche Vertrauen der Menschen untereinander.

Auch Wissenschaftsredaktionen unter Druck

In Österreich, so Eva Stanzl, Wissenschaftsredakteurin bei der „Wiener Zeitung“ und Vorsitzende des Klubs der Bildungs- und WissenschaftsjournalistInnen, lebe man in dieser Hinsicht nach dem Leitspruch „Tue Gutes und sprich nicht darüber“. Genau das müsse geändert werden. „Ich habe das Gefühl, wir sind in Österreich latent autoritätsskeptisch“, sagte Stanzl.

Mit den Wissenschaftern sind auch die darüber berichtenden Journalisten ins Rampenlicht gerückt. Zu der Doppelbelastung für die kleinen Wissenschaftsredaktionen, neben Corona auch über alles andere zu berichten, gesellte sich die öffentliche Anfeindung: „Man wird für den Versuch, aufzuklären, wüst beschimpft“, so Stanzl.

Es brauche eine übergreifende Strategie für Wissenschaftskommunikation - „das machen die Portugiesen, das machen die Deutschen, wieso machen wir so etwas nicht auch?“ Portugal, das vor wenigen Jahren ebenfalls Wissenschaftsskepsis-Schlusslicht in der Eurobarometer-Befragungen gewesen ist, hat sich mittlerweile an die Spitze hochgearbeitet.

In Österreich fehle die Wahrnehmung, dass Wissenschaft und Forschung etwas mit dem eigenen Leben zu tun haben, so Iris Rauskala, Präsidialsektionschefin des Bildungsministeriums. Sie sieht die Gesellschaft in der Verantwortung, nicht nur die Wissenschafter. Man müsse den Bürgern das Gefühl geben, mitwirken zu können, etwa durch „Citizen Science“-Projekte.

„Das Zählen von Vögeln“ reiche aber nicht aus, formuliert es Sabine Seidler, Präsidentin der Universitätenkonferenz (uniko) und Rektorin der Technischen Universität (TU) Wien. „Eigentlich müsste man viel weiter gehen und den Menschen vermitteln, was mit den Daten geschieht, welche verworfen werden“, aber diese Aufgabe zu stemmen, könnten sich die Institutionen nicht leisten.

Gesamtgesellschaftliches Problem

„Wir werden nicht jeden Bürger zum Wissenschafter und nicht jeden Wissenschafter zum Kommunikator machen“, so Klimek, aber das brauche es auch nicht. „Man sollte möglichst früh lernen, wie man sich informieren kann“, verweist auch er auf die Portugiesen. Ein wichtiges Instrument sei die Errichtung von Wissenschaftszentren quer durch Portugal gewesen, weiß Klimek - Orte, an denen Kinder, Schulklassen und Familien Wissenschaft begreifen könnten.

„Diesen Kulturwandel müssen wir auf die Reihe bringen, wenn wir nicht weiter diese Hemmschuhe mit uns herumtragen wollen“, wünscht er sich mehr Medienkompetenz, digitale Kompetenz, Gesundheitskompetenz: „Und damit muss man schon im Kindergarten anfangen.“ Kindliche Neugierde am Leben zu erhalten, sei hier ein Knackpunkt, so auch Rauskala, aber dafür brauche es die Einbindung der Bezugspersonen, denn das Bildungssystem allein könne diese Aufgabe nicht schultern.

Von den Wissenschaftern selbst zu den Forschungsinstitutionen, von den Forschungsinstitutionen zur Politik, von den Kindergärten hin zu den Eltern - das Problem könne wohl nur die Gesellschaft als Ganzes lösen. „Wissenschaft ist ein Prozess, wo viele Rädchen ineinandergreifen“, sagte Klimek. „Die Pandemie hat Problemfelder offengelegt, die wir vorher auch schon hatten - wir müssen den Fokus drauflassen und dranbleiben, die strukturellen Probleme angehen und es als ein Vorspiel verstehen für die Krisen, die noch vor uns liegen.“

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Wissenschaft vermitteln und das bestenfalls schon ab dem Kindesalter. Dazu bräuchte es mehr Orte und Projekte, an denen Kindern, Schulklassen und Familien Wissenschaft begreifbar gemacht wird, so die Experten.
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