Bewegung senkt Depression und Sterblichkeit

In Österreich sollten dringend Konzepte zur primären Prävention psychischer Probleme umgesetzt werden. Mehr Bewegung, weniger Handy-Benutzung, Stressreduktion und vor allem ein besseres Wissen um Gesundheit in der Bevölkerung wären notwendig. Das erklärten Experten Freitagabend zum Auftakt der Praevenire Gesundheitsgespräche in Alpbach (bis 10. Juli).

red/Agenturen

Die Häufigkeit psychischer Erkrankungen nehme schnell zu. Zwar hätte die Covid-19-Pandemie diese Entwicklung noch zusätzlich verstärkt, man könne die Ursachen aber nicht monokausal sehen, erklärte Christoph Pieh com Department für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Donau-Universität in Krems.

Der Experte zitierte Daten aus epidemiologischen Studien. 80 Prozent der Befragten gäben an, häufig gestresst zu sein. 30 Prozent seien täglich gestresst. Arbeitslose würden noch zusätzlich unter psychischen Belastungen leiden. Ein weiterer Stressfaktor seien auch zu hohe Erwartungen an sich selbst. Wie eine große US-Studie mit rund 35.000 Personen zeigt hätte, wären täglich zweieinhalb Stunden echte Freizeit das Optimum. Mehr oder weniger davon würden den Stresslevel ebenso erhöhen.

Fehlendes Wissen über psychische Gesundheit

Auch wenn es in der Wissenschaft unumstritten ist, dass Bewegung, gesunde Ernährung und Verhalten die psychische Gesundheit positiv beeinflussen, fehle dieses Wissen weitgehend in der Bevölkerung, erklärte der Experte. Fehlende Gesundheitskompetenz führe außerdem zu einer Stigmatisierung psychisch erkrankter Menschen, Betroffene suchten aus Scham erst spät Hilfe.

„Vielmehr sollten wir uns auf die Früherkennung psychischer Erkrankungen fokussieren“, betonte Pieh. Hier müsse man auch deshalb schon früh ansetzen, weil die meisten psychischen Erkrankungen bereits im ersten Lebensdrittel auftreten. In Österreich liege aber die Dauer zwischen ersten Symptomen und einer fachlichen Diagnose bei mehreren Jahren - selbst bei ausgeprägten Erkrankungen wie Schizophrenie dauerte das im Durchschnitt etwa ein Jahr.

Zwischen 2014 und 2019 hat die Zeit, welche die Menschen aus der Allgemeinbevölkerung mit Ausgleichssport etc. verbringen um 24 Prozent abgenommen. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Jugendlichen, die keine Bewegung machen, von sieben Prozent auf 15 Prozent mehr als verdoppelt, so Pieh. Dabei sei Bewegung aber ein massiver Faktor gegen psychische Erkrankungen. Menschen ohne ausreichende Bewegung entwickeln zu einem hohen Prozentsatz psychische Erkrankungen, die sich im Verlauf vom Kindes- ins Erwachsenenalter chronifizieren. „Wie Studien belegen, bewirkt eine tägliche Bewegungseinheit in den Schulen bei 50 Prozent der Teilnehmenden eine Steigerung des Wohlbefindens, bei 60 Prozent verbesserten sich der Schlaf und die Konzentration“, erklärte der Experte.

Mehr Bewegung, weniger Handy

Mindestens genauso wichtig für die psychische Gesundheit ist die „Screentime“ an Mobilgeräten, insbesondere durch die Nutzung Sozialer Medien. In Österreich liegt die durchschnittliche Nutzungsdauer bei Kindern und Jugendlichen bei vier bis neun Stunden pro Tag, erklärte Pieh. Durch jede Stunde, die man diese Anwendungen nutze, steige aber die Wahrscheinlichkeit, eine psychische Erkrankung zu entwickeln, um zehn Prozent. In britischen Schulen hätte ein Handyverbot sogar eine Verbesserung der Schulnoten gebracht.

„Bewegung muss wie Zähneputzen zur Selbstverständlichkeit werden“, appellierte Monika Peer-Kratzer, Landesverbandsvorsitzende in Tirol von Physio Austria, im Anschluss an die Keynote-Rede von Pieh für mehr Bewegung und Prävention in Österreich. Sie verwies auch auf einen Rechnungshofbericht aus dem vergangenen Jänner, der erstmals seit Jahren einen Rückgang der gesunden Lebensjahre aufzeigte. Die Physiotherapie könne hier im Bewegungsbereich wertvolle Hilfestellungen geben. So ließe sich mit einfachen Tests beispielsweise die Sturzgefährdung bei älteren Menschen ermitteln und mit gezielten Präventionsübungen das Risiko deutlich verringern. „Aus Sicht der Physiotherapeuten wäre es sinnvoll, schon im Säuglingsalter einen Mobilitätscheck durchzuführen und Eltern entsprechend über Bewegung aufzuklären. Hier wäre der Wunsch, dies in den Eltern-Kind-Pass zu integrieren“, so die Expertin.

Mehr „echte“ Prävention statt Rehabilitation

In Österreich wird Geld für Prävention offenbar auch teilweise falsch ausgegeben, nämlich vor allem für die Rehabilitation (Sekundärprävention) statt für die sogenannte Primärprävention zur Verhinderung gesundheitlicher Probleme von Anfang an. „Wenn man die knapp über zwei Milliarden Euro, die in Österreich für Prävention werden, analysiert, zeigt sich, dass der Löwenanteil von 1,7 Milliarden Euro in den Bereich Rehabilitation fließt. 250 Millionen Euro werden für Maßnahmen der Sekundärprävention verwendet und nur 300 Millionen Euro fließen in die eigentliche Primärprävention mit Bewegung, Ernährung, Impfen etc.“, sagte Alexander Biach, Direktor Stellvertreter der Wirtschaftskammer Wien und ehemaliger Chef des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger. Nur 15,1 Prozent der Gesamtbevölkerung würden das Angebot der jährlichen Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen. Mittlerweile seien 51 Prozent der über 15-Jährigen in Österreich übergewichtig.

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Bewegung ist ein massiver Faktor gegen psychische Erkrankungen: Menschen ohne Bewegung entwickeln zu einem hohen Prozentsatz psychische Erkrankungen, die sich im Verlauf vom Kindes- ins Erwachsenenalter chronifizieren.
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