Welt-Tuberkulose-Tag
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Welt-Tuberkulose-Tag

Zwischen Marginalie und multiresistentem Bedrohungsszenario

Das deutsche Robert Koch Institut, abgekürzt RKI, ist spätestens seit der Coronapandemie in aller Munde. Sein Namensgeber gilt als Mitbegründer der Mikrobiologie und damit als „Vater“ der Erforschung übertragbarer Krankheiten. Unter anderem entdeckte Robert Koch den Tuberkulose-Erreger und wurde dafür 1905 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Die Krankheit ist nach wie vor ein großes Thema, vor allem im globalen Süden kämpft man mit steigenden Zahlen. Am 24. März wird der Welt-Tuberkulose-Tag begangen.

Eva Kaiserseder

Tuberkulose, früher auch als Schwindsucht bezeichnet, mutet teilweise wie eine Krankheit aus längst vergangenen Tagen an. Was sie aber mitnichten ist, wie aktuelle Zahlen zeigen: 1,6 Millionen Menschen starben 2021 laut WHO-Bericht weltweit an Tuberkulose. Ein markanter Anstieg von 14 Prozent innert zwei Jahren, der auch der Corona-Pandemie geschuldet ist. Dieser Anstieg bedeutet eine absolute Trendumkehr: Die Zahlen waren vor der Pandemie, zwischen 2005 und 2019, nämlich konsequent sinkend. Zudem wurde 2021 rund 450.000 Menschen mit Tuberkulose diagnostiziert, die nicht auf das übliche Antibiotikum Rifampicin ansprachen.

Die Krankheit selbst ist lange bekannt. Das Verständnis, wie Bakterien Krankheiten verursachen oder gar, was eine Infektionskette ist, war allerdings im 19. Jahrhundert mehr oder weniger unbekannt. Die Medizin erfuhr allerdings, unter anderem auch in Wien, Mitte des Jahrhunderts einen deutlichen Erkenntnisschub. Die Zugänge und Denkmodelle änderten sich. Klinische Befunde, die in Zusammenhang mit Gewebsveränderungen gebracht wurden, bestimmten nun die Diagnosefindung. Die althergebrachte „Vier-Säfte-Theorie“ galt als veraltet. Pathologen wie die in Wien tätigen Carl von Rokitansky oder der Internist Josef Skoda trugen zu diesem Paradigmenwechsel maßgeblich bei. Und auch in Berlin gab es innovative Ärzte, unter anderem einen gewissen Robert Koch.

Der 1843 geborene Sohn eines Bergmannes begann nach einigen anderen Stationen 1872 als Arzt in der Provinz zu arbeiten und forschte eher nebenher rund um den Milzbrand. Diese Krankheit, deren Pathogenese unerklärlich schien, forderte immer wieder Todesopfer bei Mensch und Tier. 1876 gelang es Koch schließlich, nachzuweisen woher der Milzbrand stammt: Von einem einzigen Erreger nämlich. Mittels dieses Wissens konnte er verstehen und erklären, was eine Infektionskette ist und welche Rolle Bakterien für Krankheiten wie eben Milzbrand oder später Tuberkulose spielen. Er gilt damit als Pionier in Sachen Infektionskrankheiten.

Multiresistente Tuberkulose mit bedrohlichem Szenario

Mittlerweile ist es beinahe Allgemeinwissen, dass ein bestimmtes Bakterium, nämlich Mycobacterium tuberculosis, der Auslöser von TBC ist. Übrigens stellte Robert Koch dieses Wissen exakt am 24. März vor 140 Jahren dem Fachpublikum vor. Laut WHO-Zahlen ist derzeit ein Viertel der Weltbevölkerung mit Tuberkuloseerregern infiziert. Ursachen für einen Ausbruch sind unter anderem weitere Infektionskrankheiten wie HIV/AIDS, die das Immunsystem angreifen, ein schlechter Allgemeinzustand oder Mangelernährung. Geschätzt 10,6, Millionen Menschen erkrankten 2021 an Tuberkulose, wie der aktuelle WHO-Tuberkulosebericht meldet. 6,7 Prozent der  Erkrankten waren mit dem HI-Virus infiziert. Die meisten Fälle gab es in Südostasien (45 Prozent), Afrika (23 Prozent) und im Westpazifik (18 Prozent). Europa lag geografisch mit 2,2 Prozent der Infektionen an letzter Stelle.

Die Situation in Österreich ist überschaubar: 2021 wurden beim Menschen 396 Fälle an Tuberkulose ins Epidemiologische Meldesystem (EMS) gemeldet, und das jmit Stand Mai 2022. Das entspricht 4,4 Fällen pro 100.000 Einwohner. Davon wurden 296 Fälle zum MTC gehörend mikrobiologisch bestätigt. Es wurden je zwei Fälle verursacht durch tierische Erregerreservoirs (M. caprae und M. bovis) nachgewiesen. Österreich gilt seit Langem als frei von Rindertuberkulose, allerdings kommt es seit 2008 in einzelnen Gebieten der Bundesländer Tirol und Vorarlberg zur fallweisen Übertragung von M. caprae zwischen Rothirschen und Rindern.

„Kein Platz für Selbstgefälligkeit“

An sich ist Tuberkulose mittlerweile eine gut behandelbare Krankheit, allerdings warnte die ÖGP (Österreichische Gesellschaft für Pneumologie) schon vor einiger Zeit davor, dass „die Infektionsketten immer länger werden und die Gefahr, dass sich multiresistente Formen der Tuberkulose ausbreiten, gegen die immer weniger Medikamente wirksam sind, größer wird.“ So läge der weltweite Therapieerfolg bei einer multiresistenten Tuberkulose bei nur rund 50 Prozent. Rund ein Zehntel aller Menschen mit einer latenten Tuberkuloseinfektion, die an sich asymptomatisch und nicht infektiös verläuft, entwickelt eine aktive Tuberkulose.

Zudem habe die Pandemie ein Problem verschärft, das gerne unter dem Begriff „Kollateralschäden“ subsummiert wid: Menschen gingen bei Beschwerden weit weniger oft zu Ärzt:innen als vor der Pandemie, aus Angst, sich dort anzustecken oder schlicht, weil es Lockdowns und Ausgangsbeschränkungen gab. Damit wurde die Identifizierung von Tuberkulosefällen erschwert und nicht nur das, auch bereits bestehende Erkrankungen und deren Therapie wurden vernachlässigt. „Die Behandlung von Patient:innen mit Multiresistenter Tuberkulose ist durch die Pandemie weltweit bereits um rund 15 Prozent zurückgegangen“, warnte der Pneumologe Helmut Salzer, unter anderem Leiter des Arbeitskreises Infektiologie & Tuberkulose der ÖGP, schon am Anfang der Pandemie.

Gerade angesichts der Pandemie seien dringende Investitionen im Kampf gegen Tuberkulose von entscheidender Bedeutung, mahnten WHO Europa und ECDC an. Länder in Europa und Zentralasien hätten das Ziel eines 20-prozentigen Rückgangs der Fälle innerhalb eines Fünfjahreszeitraums zwar übertroffen, erklärte WHO-Regionaldirektor Hans Kluge. Es gebe jedoch keinen Platz für Selbstgefälligkeit. Um weitere Fortschritte sicherzustellen, müssten innovativere und effektivere Ansätze bei der Diagnose und Behandlung von Tuberkulose und multiresistenter Tuberkulose eingeführt werden, forderte Kluge.

Tuberkulose-Fakten

Die Erreger, die Tuberkulose-Bakterien, werden durch Tröpfchen in der Atemluft (Husten, Niesen) übertragen. Meist manifestiert sich die Erkrankung in der Lunge (Lungentuberkulose), doch fast alle Organe können betroffen sein (Organtuberkulose). Der Verlauf kann schwer sein und tödlich enden. Diese von Bakterien verursachte Erkrankung ist mit global 10 Millionen Infektionen und im vergangenen Jahr 1,6 Millionen Todesfällen eine der tödlichsten Infektionskrankheiten. Trotz verfügbarer Therapie sterben weltweit rund 4.000 Menschen pro Tag daran.

Ob der menschliche Körper die TB-Infektion abwehren kann oder daran erkrankt, ist von Faktoren wie Ernährungszustand und Immunstatus abhängig. Tuberkulosebakterien können sich aber auch im Körper abkapseln. Sie sind dann inaktiv, breiten sich nicht weiter aus, können aber jahrelang in diesem Zustand überleben; der Träger ist beschwerdefrei, man spricht von einer latenten TB Infektion. Betroffene zeigen keinerlei Beschwerden. Rund ein Drittel der Weltbevölkerung ist Träger einer beschwerdefreien, sogenannten latenten Tuberkulose. Erst bei einer Schwächung des Immunsystems kann es, oft erst nach Jahren, zu einer Aktivierung der Erkrankung TB kommen; man spricht dann von aktiver TB Infektion.

Tuberkulose kann auch ausbrechen, ohne dass Betroffene es merken, denn die Beschwerden sind häufig schleichend und nicht eindeutig: Über Wochen hindurch Husten ohne Auswurf, Gewichtsabnahme (daher der alte Name „Schwindsucht“), Abgeschlagenheit, erhöhte Temperatur und Nachtschweiß sind klassische TB-Symptome. (Quelle: ÖGP)

 

 

 

 

Robert Koch
Robert Koch gilt als „Vater" der Mikrobiologie.
Wellcome via Wikimedia Commons
Röntgenbild Lunge
Lungenröntgen eines Patienten mit Lungentuberkulose.
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„Die meisten Fälle gab es in Südostasien (45 Prozent), Afrika (23 Prozent) und im Westpazifik (18 Prozent). Europa lag geografisch mit 2,2 Prozent der Infektionen an letzter Stelle."
 
© medinlive | 24.04.2024 | Link: https://www.medinlive.at/wissenschaft/zwischen-marginalie-und-multiresistentem-bedrohungsszenario