Hämatologie

Der Affe und ein Wunderkind aus Brooklyn

In Japan gelten sie als Charaktersache, im Lifestylesektor boomten in den letzten Jahren diverse Ernährungsratgeber rund um das Thema und jede Frau, die ein Kind erwartet, weiß spätestens bei den verpflichtenden Vorsorgeuntersuchungen, zu welcher sie gehört: Die Blutgruppen. Entdeckt wurden sie vom österreichischen Nobelpreisträger Karl Landsteiner. Dessen Schüler Alexander Solomon Wiener, seines Zeichens Entdecker des Rhesusfaktors, wurde am 16. März vor 115 Jahren geboren.

Eva Kaiserseder

Es gehört wohl zu den faszinierendsten Dingen, die den menschlichen Körper ausmachen, gelegentlich wird sogar von einem „flüssigen Organ“ gesprochen: Blut. Eine Mischung aus Blutplasma und Blutzellen, rund 5 Liter, abhängig vom Körpergewicht, befindet sich dabei permanent in Bewegung und übernimmt dabei lebenswichtige Aufgaben wie Sauerstofftransport oder Nährstoffversorgung.

Schon vor Jahrhunderten war zumindest vielen Ärzt:innen klar: Blut ist unersetzbar und auch durch bestes medizinisches Können nicht künstlich herzustellen. In der Praxis hieß das, es gab viele Versuche, Blut zu übertragen. Aber diese eher laienhaften Versuche mit Bluttransfusionen gingen für die Probanden nicht immer gut, oftmals sogar tödlich, aus. Eine Vorreiterrolle spielte hier der Leibarzt des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV: Jean-Baptiste Denis führte nämlich die erste dokumentierte Bluttransfusion durch. In diesem Fall wurde das Blut eines Lamms einem 15-jährigen Burschen zugeführt.

Tatsächlich überlebte dieser die Prozedur, was allerdings pures Glück war. Die Auswahl des Spendertieres erfolgte übrigens „gemäß der antiken Theorie der Humoralpathologie, wonach die physischen und psychischen Eigenschaften des als friedfertig geltenden Lammes auf den Empfänger übergehen sollten. Denis zog insbesondere einen Analogieschluss von der menschlichen Ernährung mit tierischem Fleisch auf die Transfusion tierischen Blutes. Das gelungene Experiment führte in den folgenden Monaten zu einem heftigen Gelehrtenstreit, der vor allem in der englischen Zeitschrift „Philosophical Transactions“ der Londoner „Royal Society“ ausgetragen wurde. (..)Durch ein Verbot des Pariser Kriminalgerichts endete diese erste Phase der Übertragung von Tierblut auf den Menschen jedoch bereits im April 1668“, lautet das Fazit des Historikers Axel W. Bauer im Fachblatt „Transfusionsmedizin“ über diesen wagemutigen Schritt. Bis das erste Blutgruppensystem entdeckt und etabliert wurde, gab es noch viele Todesfälle bei den Versuchen, Blut zu transfundieren.

Zufallsentdeckung mit weitreichender Bedeutung

Ein Zeitsprung weit nach vorne, nämlich ins beginnende 20. Jahrhundert: Dort, im Wien des ausgehenden Fin de Siècle, hatte ein junger Mann namens Karl Landsteiner, damals noch Assistent am pathologischen-anatomischen Institut der Medizinischen Universität, einen Artikel in der altehrwürdigen „Wiener Klinischen Wochenschrift“ verfasst. Der Titel: „Über Agglutinationserscheinungen normalen menschlichen Blutes".

Unter anderem fand er während seinen Untersuchungen zu unterschiedlichen Immunreaktionen heraus, dass sich auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen (den Erythrozyten) zwei unterschiedliche Antigene befinden. Also Substanzen, die die Bildung von Antikörpern bewirken, sobald sie vom Organismus erkannt werden. Diese Antigene nannte er A und B.

Wird nun etwa Blut der Gruppe A mit Gruppe B vermischt, macht das Immunsystem mobil und es werden Antikörper gegen die als fremd wahrgenommenen Antigene aktiv. Passiert das bei einer Bluttransfusion, verklumpt das Blut und schafft es nicht mehr, die Gefäße zu passieren. Es kommt zu mitunter lebensgefährlichen Komplikationen.

Auf diesem Wissen aufbauend konnte Landsteiner erstmals das Blut in drei Gruppen A, B und C einteilen, später wurde daraus das AB0-System der Blutgruppen. (Momentan gibt es übrigens insgesamt 43 erythrozytäre Blutgruppensysteme.) Weitergedacht wurde damit der Schlüssel gefunden, warum frühere Versuche von Bluttransfusionen so oft mit tödlichem Ausgang scheiterten. Hochverdient erhielt Landsteiner dafür 1930 den Nobelpreis. Zwischenzeitlich war er Anfang der Zwanzigerjahre aus Karrieregründen in die USA emigriert.

Dort lernte Landsteiner einen jungen Kollegen kennen, der sich auffällig begabt zeigte. Mit diesem Mann, Alexander Solomon Wiener, forscht er gemeinsam weiter an den Feinheiten des Blutes und wie unterschiedliche Blutgruppen miteinander wirken. Wiener, der in Brooklyn geboren wurde, war in der Tat begabt und ein intellektueller Überflieger: Er schloss die Highschool mit 15 Jahren ab, studierte Mathematik und Biologie und absolvierte danach mit erst 23 Jahren sein Medizinstudium. In seinem Labor stellte er Mitte der Dreißigerjahre fest, dass Kaninchen bei einer Bluttransfusion Antikörper gegen das Blut von Rhesusaffen bilden. Durch weitere Forschung und den Fall einer Totgeburt bei einer Schwangeren, die Antikörper gegen das Blut ihres Mannes gebildet hatte, entdeckte Wiener in Zusammenarbeit mit Landsteiner, was das fehlende Glied in der Kette war: Spezielle Eiweißmoleküle auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen nämlich. Wiener nannte diese Eigenschaft nach dem namensgebenden Tier „Rhesusfaktor“.

Demzufolge bezeichnet dieser eine erbliche Eigenschaft der roten Blutkörperchen. Ist sie vorhanden, spricht man von einem positiven Rhesusfaktor, fehlt sie, wird das Blut als rhesusnegativ bezeichnet. Bei einer komplikationslosen Bluttransfusion muss also nicht nur die Blutgruppe, sondern auch der Rhesusfaktor stimmen. Und bei Schwangerschaften spielt der Rhesusfaktor ebenfalls eine wichtige Rolle, wie Landsteiner und Wiener am Fall des totgeborenenen Babies lernen mussten.

Ein Risiko besteht nämlich dann, wenn eine werdende Mutter rhesusnegativ und ihr Kind rhesuspositiv ist. Bei der Geburt kommt rhesuspositives Blut des Kindes in den rhesusnegativen Blutkreislauf der Mutter. Die von der Mutter gebildeten Antikörper attackieren das Blut des Kindes, was bei einer Erstgeburt unproblematisch ist, bei weiteren Geburten allerdings riskant ist. Die Antikörper der Mutter werden hier durch die Gedächtniszellen des Immunsystems nämlich sehr viel schneller gebildet und damit wirksam. Mittlerweile ist diese Problematik so allerdings nicht mehr gegeben, weil schwangeren Frauen vorab das passende Immunglobulin injiziert wird, um im Fall des Falles die Bildung von Antikörpern auszubremsen.

Warum manche den Rhesusfaktor haben und andere nicht, ist übrigens nach wie vor ein Rätsel. Was man allerdings weiß, ist, dass fast alle Afrikaner rhesuspositiv sind sowie ein Großteil der Europäer.

Und was ebenfalls als gesichert in die Annalen der Wissenschaftsgeschichte eingehen wird: Die Arbeiten von Landsteiner und Wiener haben großen Anteil daran, die verheerenden Folgewirkungen sich quasi gegenseitig attackierender Blutgruppen eingedämmt zu haben.

 

 

 

 

 

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