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Syrische Ärzte in Österreich

„Du musst von vorne beginnen“

Rund 200 syrische Ärztinnen und Ärzte kamen im Zuge des syrischen Bürgerkrieges nach Österreich. Eyad Kabalan ist einer von ihnen. Als die Lage in dem Spital in Damaskus, in dem er arbeitete, zu gefährlich wurde, floh er. Statt Schussverletzungen zu behandeln, stand er die letzten Jahre im Operationssaal des Donauspitals in Wien.

Claudia Tschabuschnig
Eyad Kabalan syrischer Arzt in Spital
Der syrische Chirurg Eyad Kabalan ist vor viereinhalb Jahren nach Österreich gekommen. Er hat zwei Monate als Hospitant im St. Josef Krankenhaus Wien gearbeitet.
St. Josef Krankenhaus Wien
„Hier im Spital bist du kein Facharzt mehr, du musst von vorne beginnen“, sagt Eyad Kabalan, der in Syrien als Chirurg in einem Spital und einer Ordination gearbeitet hat.

Zwei Jahre sind vergangen, seit Kabalan seinen Nostrifizierungsantrag an der MedUni Wien gestellt hat. Dazwischen: Monatelanges Bücher wälzen, Prüfungen absolvieren, Kurse und Fortbildungen besuchen und auch Vorträge, die er selbst hielt. Nun steht er kurz davor, wieder in seiner alten Rolle anerkannt zu werden, nämlich als Chirurg. Der 36-Jährige schloss kürzlich im Sozialmedizinisches Zentrum Ost - Donauspital in Wien das Anerkennungsverfahren ab.

medinlive: In einem Monat wird ihre Ausbildung auch in Österreich offiziell anerkannt. Wie hat sich der Weg bis dahin gestaltet?

Kabalan: Ich bin vor viereinhalb Jahren nach Österreich gekommen. Ursprünglich bin ich in der syrischen Stadt As-Suwaida geboren und aufgewachsen. Sie liegt etwa 100 Kilometer von Damaskus. Meine Facharztausbildung für Allgemeinchirurgie habe ich in Damaskus, im größten Spital Syriens, absolviert.

medinlive: Welche Voraussetzung brauchen angehende Mediziner in Syrien, um zum Studium der Medizin zugelassen zu werden?

Kabalan: Man muss eine bestimmte Punkteanzahl bei der Matura erreichen. Ab 97 Prozent darf man Medizin studieren. Die Punktzahl hängt aber von der Anzahl der Bewerber ab. Ich habe 99 Prozent erhalten und war damit auf dem ersten Platz unserer Stadt. Danach folgt ein sechsjähriges Studium. Ab dem dritten Jahr kann man ein Praktikum im Spital machen. Je nachdem, wie viele Punkte man in den sechs Jahren gesammelt hat, kann man eine Fachausbildung machen. Man braucht für die jeweilige Facharztausbildung eine bestimmte Punktezahl und die weitere Ausbildung dauert dann zwischen vier und sechs Jahre. Danach legt man eine mündliche, schriftliche und praktische Facharztprüfung ab.

medinlive: Wie ging Ihr beruflicher Lebensweg weiter?

Kabalan: Ich habe etwa sechs Monate als Facharzt in einem Spital und einer Ordination in Damaskus gearbeitet. Zu der Zeit herrschte bereits Bürgerkrieg. Da ich gegen die Regierung eingestellt war, war die Situation sehr gefährlich für mich. Wir hatten Patienten, die Oppositionelle waren. Nachdem diese angeschossen und festgenommen wurden, haben wir sie in unserem Spital behandelt und operiert. Oftmals wurden sie dann weiter von Soldaten misshandelt, was ich nicht ertragen konnte. Schließlich bin ich in den Jemen geflohen. Dort habe ich sechs Monate als Facharzt gearbeitet.

medinlive: Wie war die Situation im Jemen?

Kabalan: Im Jemen war die Situation ähnlich gefährlich, nur dass wir als syrische Ärzte im Vergleich zu jemenitischen Ärztinnen und Ärzten gut verdient haben. Aber ich war der einzige Chirurg im Spital und habe die volle Verantwortung getragen. Die Situation dort war insgesamt sehr schlimm. Während ich dort gearbeitet habe, hat Al Kaida in der Nähe meiner Wohnung ein Auto in die Luft gesprengt. Es war also sehr gefährlich, als Ausländer ist man zudem immer im Fokus. Danach bin ich nach Österreich geflohen und habe sofort begonnen, die deutsche Sprache zu lernen.

medinlive: Wie ging es Ihnen damit?

Kabalan: Bis zum Sprachniveau B2 war es nicht so schwierig, aber ab C1 habe ich gemerkt, dass man nur auf diesem Niveau ausreichend Deutsch beherrscht, um im Spital kommunizieren zu können. Ich finde es daher gut, dass das Niveau bei der Stichprobenprüfung auf C1 angehoben wurde. Denn viele Ärztinnen und Ärzte haben Probleme bei der Kommunikation mit Patienten. Sie haben zu wenig Kontakt mit Österreichern und Deutsch nur im Sprachkurs gelernt, was zu wenig ist. In Deutschkursen lernt man vielleicht 20 Prozent der Sprache. Denn Kurse werden nicht unbedingt von Sprachexperten gegeben, manchmal sind es zum Beispiel Studenten. Ab dem Niveau B2 waren es nur Experten. Ich habe auch über Tandem (Sprachlernmethode, bei der sich zwei Personen mit unterschiedlicher Muttersprache gegenseitig die jeweils fremde Sprache beibringen, Anm.) gelernt. Das hat mir sehr geholfen und ich habe auch österreichische Freunde gefunden.

Nachdem ich C1 abgeschlossen hatte, kam mir die Idee, einen eigenen Sprachkurs mit lateinischen Fachbegriffen für Mediziner zu halten. Der Kurs war für Ärztinnen und Ärzte aus Syrien, Russland oder auch aus Serbien oder Rumänien bestimmt. Der Kurs war eine Vorbereitung auf die Sprachprüfung bei der ärzteakademie.

medinlive: Was war neben der Sprache eine der größten Herausforderungen, als Sie nach Österreich gekommen sind?

Kabalan: Ich musste von vorne beginnen. Ich war Facharzt in Syrien, habe eine Ordination gehabt und viele Operationen alleine durchgeführt. Hier im Spital bist du kein Facharzt mehr, du musst von vorne beginnen. Außerdem bist du alleine. Deine Familie ist nicht da und du hast immer Angst um sie. Es war nicht einfach. Die Arbeitssituation war anfangs ungewohnt. In der Inneren Medizin ist man alleine für mehrere Stationen zuständig und hat nur wenige Pausen.

medinlive: Wie war die Situation in Syrien?

Kabalan: Noch schlimmer (lacht). In den letzten zwei Jahren, während des Krieges, hatte ich 15 Nachtdienste pro Monat, es gab keinen Ruhetag zwischen den Diensten. Und manchmal musste ich auch andere Dienste übernehmen von Kollegen, die ausgefallen sind. Da musste ich manchmal drei Dienste hintereinander machen.

medinlive: Wie haben sie bei dem Stichprobentest abgeschnitten?

Kabalan: Ich habe neun von zehn Fächern bestanden und musste fünf mündliche Prüfungen absolvieren. Psychiatrie musste ich etwa mündlich ablegen. Schwierig war dabei die Pharmakologie. Dafür habe ich einen Monat lang jeden Tag zehn Stunden gelernt. Der Abschluss der Prüfungen hat insgesamt fünf Monate gedauert.

medinlive: Wie ging der Weg zur Anrechnung Ihrer Facharztausbildung weiter?

Kabalan: Mir wurden vier Jahre für die Facharztausbildung für Allgemeine Chirurgie angerechnet, ich musste zwei Jahre Gegenfächer absolvieren, die ich im Donauspital absolviert habe, das waren: Innere Medizin, Unfallchirurgie, Pathologie, Anästhesie und Kinderchirurgie.

medinlive: Welche Verbesserungsvorschläge haben Sie in Bezug auf das Nostrifizierungsverfahren?

Kabalan: Ich finde es wichtig, genaue Informationen zur Verfügung gestellt zu bekommen, konkrete Unterlagen, die beschreiben, was für die Prüfungen wichtig ist. Man kann nicht Tausende Bücher lesen, aber wenn bestimmte Bücher empfohlen würden, wäre das sehr hilfreich. Organisationen wie „Check In Plus“ (eine vom AMS finanzierte Anlaufstelle für Migranten, Anm.) waren eher bei organisatorischen Fragen eine Hilfe.

medinlive: Wie waren die ersten Wochen im Spital?

Kabalan: Die ersten zwei Wochen in der Inneren Medizin waren sehr schwierig, weil die Patienten nur im Dialekt gesprochen gehaben. Am Anfang war es herausfordernd, das System und die Abläufe zu verstehen, um zu wissen, wer wofür die richtige Ansprechperson ist. Aber nach zwei Wochen hat es gut funktioniert. In Syrien wurde alles händisch dokumentiert, auch Zuweisungen wurden händisch geschrieben. Wir haben auch keine EKGs geschrieben, das habe ich hier in Österreich gelernt.

medinlive: Gibt es Unterschiede bei Operationsmethoden zwischen Österreich und Syrien?

Kabalan: In Syrien haben wir viele Operationen offen durchgeführt, vor allem Schussverletzungen und viel Laparotomien wegen Tumoren. Laparoskopische Operationen haben wir wegen Zeitmangels selten durchgeführt. Nur Gallenblasenentfernungen erfolgten laparoskopisch. Außerdem haben wir als Chirurgen keine Gastroskopie oder Koloskopie operiert, diese wurden nur von Internisten durchgeführt. Deswegen habe ich in Deutschland zwei Kurse besucht: Hernienchirurgie (TAPP/TEP) in Berlin und Laparoskopische Cholezystektomie und Appendektomie in Tuttlingen. Dazu habe ich in Wien einen Kurs zu Endoskopie besucht. Diese Kurse habe ich alle selbst bezahlt.

medinlive: Gab es Situationen, in denen Sie sich im Spitalsalltag in Österreich diskriminiert gefühlt haben?

Kabalan: Nein, manche Kollegen waren vielleicht strenger, aber ich habe eigentlich keine Diskriminierung erlebt. Wichtig ist, dass man die Sprache beherrscht. Und Diskriminierung gibt es überall. Als ich im Spital in Damaskus gearbeitet habe, kamen Ärzte aus Darʿā in unser Krankenhaus. Darʿā liegt etwa 100 Kilometer von Damaskus und war Ausgangspunkt der ersten Proteste gegen die Regierung. Manche meiner regierungsnahen Kollegen diskriminierten die Kollegen aus dieser Region.

medinlive: Haben Sie auch daran gedacht, das Nostrifizierungsverfahren in Deutschland zu beginnen?

Kabalan: Nein, das habe ich nie überlegt. Ich glaube auch, dass in Deutschland das System umgestellt wurde und es nun schwieriger ist, da so viele syrische Ärztinnen und Ärzte nach Deutschland gekommen sind.

medinlive: Im Oktober letzten Jahres wurde über das Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien ein Arbeitstraining für geflüchtete Mediziner angeboten. Was halten Sie von solchen Angeboten?

Kabalan: Ich kenne jemanden, der daran teilgenommen hat. Er konnte seine Sprachkenntnisse und die Kommunikation mit Patienten und Ärzten verbessern, aber bei der ärztlichen Tätigkeit durfte er nur zuschauen und konnte nicht zeigen, was er kann. Bei manchen Praktika wird den Ärztinnen und Ärzten sogar verboten, mit Patienten zu sprechen. Ich habe selbst zwei Monate als Hospitant im St. Josef Krankenhaus in Wien gearbeitet. Das hat mir sehr geholfen, das System und die Instrumente kennen zu lernen. Ich war fast jeden Tag im OP. Wenn man in Österreich als Arzt arbeiten möchte und das Verfahren beginnt, ist es besser, außerhalb von Wien Weiterbildungen zu absolvieren und auch in kleineren Spitälern zu arbeiten, da man dort in Ruhe lernen kann.

„Ich finde es gut, dass das Niveau bei der Stichprobenprüfung auf C1 angehoben wurde. Denn viele Ärztinnen und Ärzte haben Probleme mit der Kommunikation mit Patienten“, so Kabalan.