Kampagne für tabufreie Arzt-Patient:innen-Kommunikation

Sexuelle Gesundheit in der medizinischen Praxis

Mediziner:innen können viel dazu beitragen, dass sexuelle Gesundheit aus der Tabuzone geholt wird, sagt Sabine Lex von der Aids Hilfe Wien bei der Vorstellung einer aktuellen Präventionskampagne, die sich vor allem an das Gesundheitspersonal richtet. Studien würden zeigen, dass Patient:innen Gesprächsangebote gerne annehmen, wenn diese von Expert:innen initiiert werden.

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Das Wissen um das Sexualverhalten ist wichtig um Risiken einzuschätzen. Dafür müsste man gut reden können. Damit ein:e Patient:in aus der LGBTIQA* Community in der Arztpraxis offen reden kann, gibt es einiges zu beachten, wie Lex erläutert.

Offenheit schon im Wartezimmer 

Das fängt bereits beim Empfang an, also der Gestaltung des Wartebereichs. Viele Menschen aus der Community haben gelernt ihre Umwelt auf Signale zu „scannen“, um herauszufinden, wie offen Expert:innen mit Vielfalt umgehen. Offenheit kann etwa durch Gestaltung des Wartebereichs signalisiert werden, etwa durch Infobroschüren oder Poster, welche die Community berühren, also Themen wie HIV, STIs, Safer Sex, Partydrogen oder Hepatitis. Auch der Aushang eines Antidiskriminierungs-Statements sei möglich, etwa „Hier erhalten alle Menschen die bestmögliche Behandlung unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihrer geschlechtlichen Identität oder ihrer sexuellen Orientierung“.

Während Tabus im Alltag lustvoll sein können, sind sie in der Ärzt:innen-Patient:innen Kommunikation oft dysfunktional. Tabus können aber für die sexuelle Gesundheit wichtig sein. In der Praxis zeigt sich, dass Gespräche oft erst entstehen, wenn Patient:innen bereits Beschwerden haben. Gespräche können aber bereits vorher, ohne Anlass, eingeleitet werden, etwa durch ein offenes, persönliches Ansprechen oder dem geben von allgemeiner Informationen ohne direkten Bezug auf den/die Patient:in.

Im Gespräch mit dem Patient:innen sei besonders die Sprache wichtig und das Bewusstsein, dass es eine Vielfalt an Definitionen und Interpretationen im Bereich der Sexualität gebe. Bei Sprachbarrieren kann zudem Bildmaterial eingesetzt werden. Dieses kann etwa von der mehrsprachigen Website „Zanzu“ bezogen werden. Fragen sollten generell inklusiv gestellt werden, also implizieren, dass eine Partnerschaft sowohl mit Mann als auch einer Frau denkbar ist. Noch offener ist eine Formulierung, die keine Festlegung auf ein Geschlecht vorsieht.

Leitfaden durch das Anamnese-Gespräch

Als Aufbau für die Sexualanamnese empfiehlt Lex einen geregelten Ablauf, etwa aus: Situations-Check, Kontext Herstellung, dem Hinweis zur Vertraulichkeit, gefolgt von der konkreten Anamnese und schließlich dem Gesprächsabschluss. Beim Situations-Check sei es auch wichtig, dass sich der/die Mediziner:in seiner/ihrer eigenen Grenzen bewusst ist und Annahmen reflektiert. Dabei könne man sich auch tagesaktuell fragen: „Bin ich gerade offen für das Thema? Habe ich ausreichend Zeit und ist Ort und Setting des Gesprächs gerade angemessen?“.

Beim Erläutern des Kontexts kann der Arzt/die Ärztin erklären, dass einem bewusst ist, dass es persönliche Angelegenheiten sind, es aber für die Gesundheit wichtig ist. Bei der Information zur Schweigepflicht kann man erwähnen welche Informationen in der Patient:innenakte vermerkt werden und welche nicht. Für die konkrete Anamnese empfiehlt sie sie Informationen zu Partnerinnen, Praktiken und Prävention einzuholen. Das sei deswegen auch wichtig, weil es eine Vielfalt an Praktiken gebe und bestimmte Praktiken mit einem erhöhten Risiko für STIs einher gehen.

Aids
Eine vertrauensvolle und tabufreie Arzt-Patienten-Beziehung ist essenziell für die Früherkennung. Schließlich sind 54 bis 59 Prozent der HIV-Infektionen in Österreich auf sexuelle Handlungen zwischen Männern zurückzuführen.
iStock Aids Hilfe Wien