US-Studie

Adipositas-Chirurgie kann Herzerkrankungsrisiko bei Menschen mit Typ-2-Diabetes verringern

Zu diesem Ergebnis kam eine US-amerikanische Studie, bei der Patientenakten verglichen und markante Veränderungen gefunden wurden, wie die „New York Times“ kürzlich in ihrer Online-Ausgabe berichtete. Experten pochen nun auf die Durchführung einer klinischen Studie.

ct

Jedes Jahr unterziehen sich Hunderttausende adipöse Amerikaner einer Adipositas-Chirurgie (je nach Indikation auch „bariatrische Chirurgie“ oder „metabolische Chirurgie“ , Anm.), um ihr Gewicht zu reduzieren und Typ-2-Diabetes zu kontrollieren.

Eine Studie legt nun nahe, dass die bariatrische Chirurgie (Methoden sind etwa Magenbypass, Omega Loop Bypass oder Sleeve gastrectomy) das allgemeine Risiko schwerer Herz-Kreislauf-Erkrankungen und des vorzeitigen Todes um fast die Hälfte senken kann. Bei der Beobachtungsstudie, die am Montag in der medizinischen Fachzeitschrift „JAMA“ veröffentlicht wurde, wurden die Daten von rund 2.300 Patienten, die sich einer bariatrischer Operation unterzogen haben, mit den Daten von rund 11.500 Patienten ohne Operation verglichen. 

Die Ergebnisse waren den Studienautoren zufolge derart markant, dass sie für eine Adipositas-Operation anstelle von Medikamenten als bevorzugte Behandlung bei Typ-2-Diabetes bei bestimmten Patienten mit Fettleibigkeit plädierten. „Die neue Erkentnis ist, dass bariatische Chrirurge nicht nur die Gewichts- und Diabeteskontrolle verbessern kann, sondern auch positiven Einfluss auf makrovaskuläre Erkrankungen wie Schlaganfälle, Herzinfarkte, Herzinsuffizienz und Nierenerkrankungen hat (...), „das ist eine große Sache“, schreibt Edward Livingston in einem Fachartikel, der dem Paper beilag. Livingston, selbst Adipositas-Chirurg, appelierte daher an Versicherungsunternehmen, diese Operationen umfassender abzudecken.

Kritik an abweichender Kontrollgruppe

Eine vergleichbare Beobachtungsstudie im vergangenen Jahr, die 5.301 adipöse Patienten mit Typ-2-Diabetes und einer erfolgten bariatrische Operation mit 14.934 Patienten einer Kontrollgruppe verglich, zeigt laut „New York Times Bericht“ ebenso bessere Behandlungsergebnisse bei Patienten auf, die sich dieser Operation unterzogen haben.

In Wissenschaftskreisen stießen die Studienergebnisse auf zurückhaltende Reaktionen. „Diese Studie muss mit Vorsicht genossen werden“, sagte etwa David M. Nathan, Direktor des Diabeteszentrum und klinischen Forschungszentrum am Allgemeinen Krankenhaus Massachusetts. Der Schluss, dass Adipositas-Operationen Herzerkrankungen reduzieren soll, sei ihm zufolge durch diese Studie nicht bewiesen. 

Sowohl Nathan als auch Livingston wiesen darauf hin, dass sich Menschen, die sich für eine Adipositas-Operation entscheiden, in vielerlei Hinsicht von jenen Patienten unterscheiden, die dies nicht tun. OP-Patienten seien motivierter und ausreichend gesund, um diese Operation machen zu können. 

Für die Studie durchforsteten die Forscher elektronische Patientenakten, um 2.287 Patienten mit Fettleibigkeit und Typ-2-Diabetes zu identifizieren, die sich einer von vier Arten von Adipositas-Operationn an der Cleveland Clinic unterzogen hatten. Die Mehrheit der Patienten hatte sich einem Magenbypass oder einer Sleeve-Gastrektomie unterzogen, während eine kleinere Anzahl eine verstellbare Magenbande oder ein Duodenalwechselverfahren wählte.

„Dem Herzen die Last des Pumpens von Blut in größere Körpermasse nehmen“

Die Wissenschafter identifizierten dann 11.435 Kontrollpatienten mit Fettleibigkeit und Diabetes als Vergleichsgruppe, die fünffache Anzahl der OP-Patienten. Obwohl die Forscher bemüht waren, die Kontrollpatienten in ihren Persönlichkeitsmerkmalen an die OP-Patienten anzunähern, gab es zwischen den Gruppen große Unterschiede. Die Probanden der Vergleichsgruppe waren älter und vermehrt Raucher, die OP-Patienten waren etwas schwerer und hatten höhere Werte bei Bluthochdruck und Cholesterin.

Die Forschungsfrage war, ob diejenigen, die sich einer Operation unterzogen hatten, weniger wahrscheinlich sterben würden oder eine von fünf Komplikationen, die mit Fettleibigkeit und Diabetes zusammenhängen erleben würden, nämlich: koronare Herzkrankheiten (wie Herzinfarkte), zerebrovaskuläre Ereignisse (wie Schlaganfälle), Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern oder Nierenerkrankungen. Die Forscher fanden heraus, dass über einen Zeitraum von acht Jahren 30,8 Prozent der Patienten, die eine Adipositas-Operation hatten, entweder starben oder eine der Erkrankungen entwickelten, verglichen mit 47,7 Prozent der Patienten, die keine Operation hatten. Dies entspricht einer Reduzierung um 40 Prozent.

OP-Patienten hatten auch eine geringere Wahrscheinlichkeit (41 Prozent), während des Studienzeitraums an einer anderen Ursache zu sterben: Zehn Prozent starben, verglichen mit 17,8 Prozent der Patienten, die sich nicht operieren ließen. „Die Abweichungen waren einfach verblüffend (...) Wir sind sehr darum bemüht kleine inkrementelle Verbesserungen bei der kardiovaskulären Mortalität zu erreichen, und hier kommt eine achtjährige Studie, bei der die Größenordnung und die absolute Reduktion sehr hoch sind“, betonte Steven Nissen, Akademischer Leiter des Herz- und Gefäßinstitut an der Cleveland Clinic und Autor der Studie.

Die anhaltende Gewichtsabnahme bedeutet „Sie haben dem Herzen die Last des Pumpens von Blut in eine größere Körpermasse abgenommen“, ist Nissen überzeugt.

Randomisierte kontrollierte Studie geplant

Die Studienautoren stellten als nächstes Projekt eine randomisierte klinische Studie in Aussicht, die zufällig ähnliche Patienten entweder einer Gewichtsverlustoperation oder einer regulären Behandlung zuordnete.

Die Studie wurde am Montag auf dem Kongress der European Society of Cardiology in Paris vorgestellt. Sie wurde an der Cleveland Clinic, dem medizinischen Zentrum in Cleveland, durchgeführt und teilweise von Medtronic finanziert, einem Unternehmen, das medizinische Geräte für die Adipositas-Chirurgie herstellt.

Mehr als ein Drittel der amerikanischen Erwachsenen ist fettleibig, was eng mit Typ-2-Diabetes, Herzerkrankungen und Schlaganfall in Zusammenhang steht. Die überwiegende Mehrheit der Menschen mit Typ-2-Diabetes stirbt an einer Herzerkrankung.

Adipös
Laut einer am Samstag veröffentlichten Studie der Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) erhöht Fettleibigkeit das Risiko, an der vom Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 zu sterben, um 40 Prozent.
pixabay