Gewalt gegen Ärzte

Wiener Ärztekammer sieht Ärztemangel als „Kern des Problems“

Angesichts der steigenden Zahl an verbalen und körperlichen Übergriffen gegenüber Ärztinnen und Ärzten wies die Wiener Ärztekammer auf den Ärztemangel und generellen Personalmangel im Gesundheitsystem hin. Dieser führe zu vollen Ambulanzen, langen Wartezeiten und steigender Aggressionsbereitschaft, teilte die Kammer am Dienstag in einer Aussendung mit.

ct

Das nach dem Messerangriff auf einen Wiener Spitalsarzt angekündigte Maßnahmenpacket in allen KAV-Einrichtungen sieht die Kammer „als ersten Schritt“, aber „nicht ausreichend“, erläuterte Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres per OTS. Es brauche mehr Ärztinnen und Ärzte in Wien in den Spitälern als auch im niedergelassenen Kassenbereich, „darin liegt der Kern des Problems“, so Szekeres weiter. 

Während die Wiener Bevölkerung seit 2010 um 200.000 Personen gestiegen ist, ging die Zahl der Spitalsärzte in KAV-Einrichtungen im gleichen Zeitraum zurück. 2010 gab es in den KAV-Häusern (exklusive Pflegeeinrichtungen) 3.532 Ärztinnen und Ärzte, im Jahr 2018 waren es 30 weniger (3.502). Im niedergelassenen Kassenärztebereich ist die Anzahl der Ärztinnen und Ärzte seit 2010 sogar um 100 zurückgegangen.

Mindestens 300 zusätzliche Ärztinnen und Ärzte gefordert

Laut Szekeres sind die Ambulanzen und Ordinationen dementsprechend voller, die Wartezeiten länger, „und damit steigt die physische und psychische Belastung der Ärztinnen und Ärzte, wie auch aller anderen im Gesundheitsbereich beschäftigten Personen“. Denn zusätzlich zum Ärztemangel in Wien ist auch ein genereller Personalmangel bei Gesundheitsberufen und besonders im Pflegebereich zu beobachten. Als eine weitere negative Folge dieser Entwicklung nehme auch das Aggressionspotential mancher Patientinnen und Patienten zu, was sich an der steigenden Zahl an verbalen und auch körperlichen Übergriffen gegenüber Mitarbeitern von Gesundheitseinrichtungen zeige.

Allein für die Wiener KAV-Spitäler fordert Wolfgang Weismüller, Obmann der Kurie angestellte Ärzte und Vizepräsident der Ärztekammer für Wien, „mindestens 300 zusätzliche Ärztinnen und Ärzte, um den gestiegenen Arbeitsaufwand durch mehr Patientinnen und Patienten halbwegs abdecken zu können“. Mehr Ärztinnen und Ärzte in den Krankenhäusern bedeuteten für die Patientinnen und Patienten geringere Wartezeiten und damit für alle auch ein geringeres Risiko für Aggressionen.

Dass der KAV erst einen dramatischen Anlassfall für eine Situationsanalyse benötige, bezeichnete die Kammer als beschämend, „weil die Situation schon lange bekannt ist und wir seit Jahren auf das Missverhältnis zwischen immer weniger Ärztinnen und Ärzten und immer mehr Patientinnen und Patienten hinweisen“, so Weismüller. Von der Ärztekammer ist eine Umfrage zu Gewalt im Gesundheitsbereich aktuell am Laufen, deren Ergebnisse in Kürze präsentiert werden. Weismüller: „Wir werden dann auch entsprechende Maßnahmen setzen und Forderungen an die Stadt Wien sowie den KAV richten.“ Darunter könnten etwa Sicherheitschecks und mehr Securitypersonal in von Gewalt besonders betroffenen Ambulanzen fallen, „Notfallknöpfe" wie in Banken sowie der Appell an die Bundespolitik, den Strafrahmen bei Angriffen auf Mitarbeiter im Gesundheitsbereich generell zu erhöhen.

Entlastung durch allgemeinmedizinische Ambulanzen

Als eine weitere Maßnahme fordert die Ärztekammer die Einrichtung von allen Wiener KAV-Spitälern vorgelagerten allgemeinmedizinischen Ambulanzen (AMA). Derzeit gibt es eine solche nur im Wiener AKH, die jährlich in etwa 20.000 Patientinnen und Patienten betreut und damit die AKH-Notfallaufnahme spürbar entlastet. Organisiert wird diese AMA im AKH vom Ärztefunkdienst der Ärztekammer für Wien – der auch bereit wäre, die Organisation solcher Einrichtungen auch in anderen Spitälern zu übernehmen.

Für den Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte und Vizepräsidenten der Ärztekammer für Wien, Johannes Steinhart, sind solche vorgelagerten allgemeinmedizinische Ambulanzen „ein wichtiger Schritt, um die Notfallaufnahmen in den Spitälern zu entlasten“. Darüber hinaus soll der gemeinsam eingeschlagene Weg zur Entlastung der Spitalsambulanzen, insbesondere in den Fächern Allgemeinmedizin, Kinder- und Jugendheilkunde, Gynäkologie und ab nächstem Jahr in der Augenheilkunde unbedingt weitergeführt werden. Steinhart: „Weitere Projekte und deren Finanzierung werden derzeit gemeinsam zwischen der Gemeinde Wien, der WGKK und der Ärztekammer diskutiert und hoffentlich schon im Herbst beschlossen.“ 

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